CHRONOLOGISCHES ARCHIV

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DISKURS MÄNNLICHER HOMOSEXUALITÄT
in der DDR,

bzw.

1947 bis 15. 5. 1997


work in progress
(23. Juli 2006)




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work

Vorbemerkung
Vorbericht
Dank

1950 / 1960 / 1970 / 1980 / 1990
Epilog

Literaturliste





»Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualregungen studiert, erfährt sie, dass alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben.«
Siegmund FREUD: 1915

Interessant, aber unser Volk
ist dafür noch nicht reif.

Ein SED-Funktionär: 1973
(zu Franz Xaver Kroetz)


28.2.1947

Der Dresdner Arzt und Sexualforscher Rudolf KLIMMER plädiert mit einem Referat auf einer Veranstaltung des "Kulturbundes" in Leipzig für die Abschaffung des §175 des StGB in der sowjetischen Besatzungszone.
Es folgen weitere Referate KLIMMERS auf Einladung des "Kulturbundes", z.B. April 1947 in Dresden. Die örtliche Presse berichtet über diese Veranstaltungen

v. Kowalski 1987 S.17,
Grau 1995 S.91

August 1948

Eine von Curt RÖBEL, Abgeordneter im sächsischen Landtag, initiierte Resolutionin "an alle deutschen Landesregierungen, Zentralverwaltungen und Landtage" zur Abschaffung des § 175 hat keinen Erfolg.

* * *

Nach Absagen seitens verschiedener Presseorgane kann Rudolf KLIMMERs Vortragstext "Zur Frage der Homosexualität" von 1947 (s.o.) in der "Sächsischen Zeitung" erscheinen. KLIMMER machte als Arzt darauf aufmerksam, dass die soziale Ächtung und juristische Verfolgung Homosexueller zu Ursachen gesundheitlicher Schäden werden könnten.

Grau 1995 S.95


* * *

Sächsische Zeitung Dresden, Nr. 203 v. 31.8.1948, S.1 / S.18

23.9.1948

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) lehnt am 23. 9. 1948 den Antrag von Rudolf KLIMMER ab, Homosexuelle als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen - mit der Begründung, "die Homosexuellen" seien keine "prinzipiellen Gegner des Naziregimes" , unpolitisch oder sogar Mitglieder der SS/SA gewesen.
Siehe auch: 23.6.1949

Klimmer 1969 S.276,
Grau 1995 S.101/102

1949

Rudolf KLIMMER veröffentlicht seinen Artikel "Über das Wesen der Homosexualität" in der Fachzeitschrift für Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie. Auch hier appelliert er, dass Behandlung und Bestrafung von Homosexualität zwecklos und ungerechtfertigt sei, da "weder Krankheit noch Entartung".

* * *

Rudolf KLIMMER stellt das Manuskript zu seinem Hauptwerk "Die gleichgeschlechtliche Liebe" fertig. Die Veröffentlichung wird vom Amt für Literatur und Verlagswesen der DDR verhindert, dessen kultureller Beirat an den Generalstaatsanwalt am 10.5.1950 seine Bedenken dagegen mitteilt.
(Das Buch erscheint 1958 unter dem Titel "Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage" in der BRD, wo es drei Auflagen erlebt.)

Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie, Leipzig 1949 Jg.1/Nr.11 S.341-348

* * *

v.Kowalski 1987 S.24,
Herrn "Anders bewegt" Hamburg 1999 S. 39

23.6.1949

Auf Rudolf KLIMMERS erneuten Antrag an die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), sich für Homosexuelle einzusetzen und sie in den Verband aufzunehmen, wird ablehnend beantwortet.
- Später entschied auch die SED in ähnlicher Weise über die Frage der "Wiedergutmachung" an homosexuellen NS-Opfern.

Katalog 1997 (Steinle) S. 200,
Nachlass Klimmer, Schwules Museum Berlin

7.10.1949

Wilhelm PIECK proklamiert auf der 9. Tagung des Deutschen Volksrates die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Auch die Homosexuellen glaubten, sie könnten nun angstfrei leben. Zwar werden homosexuelle Handlungen kaum bestraft, aber die Homosexualität bleibt als "unsozialistisch" geächtet.

Klimmer 1969 S.274,
v.Kowalski 1987 S.16,
Thinius 1990 S.145,
Grau 1995 S.85,
Grau in: Van Dijk & Grau 2003 S.142-158

Fünfziger Jahre

»In Homosexuellenzeitschriften der Bundesrepublik erscheinen einige wenige Artikel über die juristische, soziale und gesellschaftliche Situation homosexueller Männer in der DDR. Darin kommt die strafrechtlich günstigere Lage in der DDR zum Ausdruck, gleichzeitig der große Konformitätsdruck sowie der Mangel an Organisations- und Kommunikationsmöglichkeiten.« (HERRN)
Obwohl in der DDR neben Organisationen und Zeitschriften auch eigene Lokale für Homosexuelle nicht zugelassen sind (um beim Aufbau des Sozialismus eine Popularisierung von Homosexualität zu verhindern, die als dekadentes Relikt überkommener – zumal faschistischer – Gesellschaftsverhältnisse betrachtet wird), etablieren sich einschlägige Orte: neben Lokalen (»Zum Hattenheimer« in Dresden, »Tante Anna« in Leipzig oder Tanzcafé »Grinzing« in Halle) in größeren Städten vor allem Parks und öffentliche Toiletten (»Klappen«). Von Ost-Berlin aus kann bis zum Mauerbau 1961 auch West-Berlin besucht werden, allerdings wirken die dortigen Preise wegen des hohen Umtauschkurses abschreckend. An S-Bahn-Kiosken der Grenzbahnhöfe gibt es Publikationen wie den »Kinsey-Report«, ansonsten ist man auf von Freunden eingeschmuggelte Publikationen angewiesen.

Herrn Hamburg 1999 S. 43

* * *

Katalog 1997 (Steinle) S.200 ff.

21. Februar 1950

Die DDR-Regierung nimmt die von den Nazis 1935 verschärfte Fassung des § 175 (1871) als "typisch nationalsozialistisch" zurück.
Sie beschließt jedoch »im Interesse der Rechtseinheit Deutschlands«: »§ 175 ist in der alten Fassung und nach Maßgabe der alten Rechtsprechung anzuwenden, nach der nur beischlafähnliche Handlungen« strafbar sind.

Der 1935 neu ins StGB aufgenommene § 175a (männliche Prostitution und Verführung Minderjähriger) bleibt bis 1968 bestehen; die Höchststrafe wird auf fünf Jahre Zuchthaus herabgesetzt.

Das Berliner Kammergericht sieht darin »einen fortschrittlichen Gedanken« verwirklicht, weil »die geschlechtliche Integrität und damit die gesunde Entwicklung der Jugend« geschützt werde.

* * *

(In der im Mai `49 gegründeten BRD werden am 13. März 1951 die §§ 175 und 175a und ausdrücklich ihr "rechtmäßiges" Zustandekommen während der Nazi-Herrschaft bestätigt.)

Siehe im Folgenden: April 1950-1952.

Klimmer 1969 S.274,
Grau 1995 S.98,
Kraushaar 1997 S.82,

Katalog 1997 S. 200 f.,
Herrn Hamburg 1999 S. 36,
Joachim Müller Berlin/Bonn 2000 S.19,
Van Dijk & Grau 2003 S.142 f

* * *

Dose 1990 S. 123

April 1950-1952

Unter Vorsitz von Hilde BENJAMIN (Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR, 1953–1967 Justizministerin), wird eine Gesetzeskommission beim Ministerium der Justiz einberufen, die auch die Neuregelung des § 175 für einen Entwurf des StGB debattiert. Die Verfolgung einvernehmlicher sexueller Handlungen zw. Männern über 21 Jahre sollte aufgegeben, § 175a beibehalten werden.
Siehe 11. 12. 1957.
Zusätzlich wird in § 135 ein neuer Straftatbestand vorgeschlagen: Verletzung der »sittlichen Anschauungen der Werktätigen.«

Rudolf KLIMMER fordert in seinem Artikel "Die Homosexualität und ihre Bestrafung" erneut die Streichung des § 175.
- In den folgenden Jahren wird der Text von einigen Homosexuellenzeitschriften in der BRD nachgedruckt.

Steinle 1997 S. 200,
Kraushaar 1997 S.89

* * *

Neue Justiz 4/1950,
Thinius 1990 S.146,
Herrn Hamburg 1999 S.44

* * *

Herrn Hamburg 1999 S. 45 f.

18. Oktober 1952

Rudolf KLIMMER wendet sich mit seinem Text "Die Homosexualität und ihre Bestrafung" an die 13 Fraktionen und 16 Mitglieder des Rechtsausschusses der Volkskammer. Trotz zweier positiver Schreiben der LDPD und des Vorsitzenden der VVN blieb KLIMMERS Petition ohne nachweisbaren Einfluss auf den Gesetzentwurf (s.o.) Dieser Entwurf wurde zur Verschlußsache erklärt; zu einer Abstimmung in der Volkskammer ist es nicht gekommen.
Gründe dafür waren möglicherweise »neben der homophoben Ideologie der post-leninistischen UdSSR später auch die Ereignisse um den Aufstand vom 17. Juni 1953, mit denen DDR-Justizminister Max FECHNER in Verbindung gebracht wurde: da er sich auf das Streikrecht berufen konnte, wurde er mit dem zusätzlichen Vorwurf, er habe Unzucht mit seinem Chauffeur begangen, zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.«
(STEINLE)
Siehe: 11.12.1957.

Grau (Moral) S. 105,
Kraushaar S.90 f.
Herrn 1999 S.45,

* * *


Katalog 1997 (Steinle) S. 201

1955

"Leben Eduards des Zweiten von England (nach Marlowe)" Historie von Bertolt BRECHT (UA: 1924) erscheint - eine Männerliebesgeschichte, deren Beschreibung das sexuelle Begehren nicht ausspart.

Suhrkamp, FfM und Berlin 1953 (mit "Mann ist Mann")
* * *
Aufbau-Verlag Berlin 1955

1956

Rudolf NEUBERTs Jugendbuch "Die Geschlechterfrage" erscheint, worin unter "Abweichungen der Sexualität" Homosexualität als bedauernswerte Mißbildung der Keimdrüsen geschildert wird, für deren Abhilfe die "ärztliche Wissenschaft und Kunst" einen (chirurgischen und erzieherischen) Weg gefunden habe. - Sowie: "Die Abweichungen sind am häufigsten unter genußsüchtigen Nachkömmlingen reicher Familien und bei asozialen Elementen aus anderen Gesellschaftsschichten zu finden."
Als der schwule DDR-Schriftsteller Ludwig RENN (siehe auch im Folgenden: 22.12.1956) daraufhin NEUBERT kritisierte, versprach dieser eine gründliche Aufarbeitung des Themas in seinem in Arbeit befindlichen "Das neue Ehebuch" - worin 1957 (oder folgenden Auflagen) Homosexualität jedoch nicht eingehender thematisiert wurde.

Greifenverlag zu Rudolstadt 1956 S. 80 ff.,
Greifenverlag zu Rudolstadt (2.Aufl.) 1958 - (17.Aufl.) 1968

* * *

Uhlemann 2003 S.16

22.12.1956

Brief Ludwig RENNs an Rudolf KLIMMER: Das Schlimme sei, dass in der DDR das Individuelle durch eine sozialistische Moral kollektiv reglementiert ist. Die DDR-Oberen seien teilweise sehr spießig. »Ich glaube, daß man im Moment auf Deinem Gebiet noch wenig erreichen kann.«
Der weltberühmte Ex-Adlige, antiimperialistische Autor ("Krieg" 1928, "Nachkrieg" 1930, "Adel im Untergang" Mexico, 1944), Kommunist und antifaschistische Widerstandskämpfer als Offizier im Spanischen Bürgerkrieg gegen FRANCO, war 1947 aus dem mexikanischen Exil -alternativlos- in die sowjetische Besatzungszone gekommen (seinen Geliebten durfte er aus Mexico nicht mitbringen). In der DDR wird er wegen seiner kritischen Haltung und nicht zuletzt wegen gelebter Homosexualität sofort ins kulturpolitische Abseits, in unbedeutende Funktionen nach Dresden gedrängt. Von 1969-75 war der zweimalige DDR-Nationalpreisträger Ehrenpräsident der Akademie der Künste (Mitglied seit 1952) undschrieb nun Jungengeschichten ("Trini" 1954, "Herniu und Arnim" 1958) und verbrachte die letzten Jahres seines Lebens zurückgezogen in Resignation. - Am 12. Juli 1979 stirbt Ludwig RENN in Berlin.
RENNs Lebenserinnerungen "Vor großen Wandlungen" von 1936
- sein "schwulstes Buch" - erscheinen posthum: im November 1989.
Siehe Voriges 1956: zu NEUBERT

Thinius 1990 S.153

* * *


Günther Drommer 2002 (Manuskript Renn-Biografie)




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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1989

1957

Bertolt BRECHT "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar": lakonisch und scharfsichtig beschreibt BRECHT u. a. die Erfahrungen in der Liebesbeziehung zwischen Caesars Sklaven und Sekretär Rarus und dem Plebejer Caebio.

Aufbau-Verlag Berlin/DDR 1957

Gebrüder Weiss Verlag Berlin-Tiergarten (West)

11.12.1957

Der § 175 wird mit dem Strafrechtsergänzungsgesetz (StEG) in der DDR de facto aufgehoben, weil eine Strafbarkeit homosexueller Handlungen nur bei "schädigenden Folgen für die DDR, den sozialistischen Aufbau" usw. gegeben sei. Anwendungsmöglichkeiten des StEG der DDR liegen im "weitherzigen" Ermessen der Richtenden. Schon vorher wurde einfache Homosexualität in der DDR praktisch nicht mehr strafrechtlich verfolgt. - Aus dem StGB wird der § 175 offiziell 1968gestrichen.
- Die Öffentlichkeit bleibt uninformiert. -

Siehe: 20.2.1959
zurück zu: April 1950

Klimmer 1969 S.275,
Thinius 1990 S.16,149,161,
J. Müller 1997 S.19,
Grau 2002 S.329 f.

1958

Das Buch "Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage" von Rudolf KLIMMER erscheint in Hamburg. - Darin zitiert er aus einer Dissertation von WEBER ("Die Sexualverbrechen im Strafrecht der DDR und einige Probleme ihrer strafrechtlichen Bekämpfung", Postdam-Babelsberg 1957)
Siehe: 27.6.1966

Verlag für kriminalistische Fachliteratur Hamburg 1958

20.2.1959

Mit elf gegen sechs Stimmen beschließt die für einen erneuten StGB-Entwurf zuständige Kommission des Justizministeriums (entgegen der Empfehlung der zuständigen Unterkommission!), sogenannte "einfache Homosexualität" weiterhin für strafbar zu erklären. - »Den Ausschlag gab schließlich die Stellungnahme des stellvertretenden Militärstaatsanwaltes, SCHILLE.«
(GRAU, Moral S. 117)
zurück zu: 11.12.1957
Siehe: 1964.

Katalog 1997 (Steinle) S.200,
Kraushaar 1997 S.114

13.8.1961






24.8.1961

Der Bau der Berliner Mauer beendet für West- und Ostschwule Pendelbeziehungen über die Sektorengrenze.




Beim Versuch, den Berliner Humboldt-Hafen von Ost nach West zu durchschwimmen, wird als erstes Maueropfer der 24-jährige Günter LITFIN erschossen. - Die DDR-Medien denunzieren den Getöteten in ihren Verlautbarungen als "arbeitsscheuen" Homosexuellen.

Herrn Hamburg 1999 S.50

* * *

Kraushaar 1997 S.115
- Berliner Zeitung v. 31.8.1961
- Neues Deutschland v. 1.9.1961

1962

Arnold ZWEIGs in Jerusalem geschriebener Roman "Devriendt kehrt heim" erscheint, in dem u.a. die Liebesbeziehung eines jüdischen Professors zu einem palästinensischen Jungen geschildert wird. Der Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde.

Aufbau-Verlag Berlin 1962

1963

Das Buch "Die Homosexualität beim Mann" des tschechischen Arztes Kurt FREUND erscheint in der DDR. Es wendet sich an die medizinische Fachwelt. Er wertet Homosexualität im Gegensatz zu HIRSCHFELD als "Psychopathie" und empfiehlt dagegen eine ("Aversions"-)Therapie zur Umorientierung auf Heterosexualität.

S.Hirzel-Verlag Leipzig 1963,
Klimmer 1969 S.275,
Thinius 1990 S.153 (dort "1965"),
Katalog 1997 (Steinle) S.201

17.5.1963

Die Verfilmung von "Bitterer Honig" (nach dem auch an DDR-Theatern bereits oft gespielten Stück von Shelagh DELANEY, von 1958) startet in den Kinos der DDR


Archiv J.Stargard

1964

In veränderter Auflage der Ausgabe von 1946 erscheint Friedrich ENGELS´ Buch "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" (1884/1891), in dem u.a. die Geschichte der patriarchalen und ökonomischen Struktur von Geschlechterverhältnissen, Familie und Ehe hergeleitet, sowie als konstituierender Raum historischer Klassengegensätze definiert wird.


Karl DIETZ und Peter G. HESSE geben das "Wörterbuch der Sexuologie und ihrer Grenzgebiete" heraus. - Auf S. 138: »Homosexuelle Betätigung wird in der DDR dann bestraft, wenn eine erhebliche Gesellschaftsgefährlichkeit vorliegt.«


Eine vom Staatsrat der DDR eingesetzte Kommission erarbeitet von 1964 bis 1967 erneut einen StGB-Entwurf und schlägt die Streichung des § 175 vor (1967 von Justizministerin Hilde Benjamin übernommen).
zurück zu: 20.2.1959
siehe 1968

Dietz Verlag Berlin 1964


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Greifen Verlag Rudolstadt 1964

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Herrn Hamburg 1999 S.49

27.6.1966

Radio Bremen sendet im Hörfunk eine Dokumentation von Wolfgang HARTHAUSER: "Der rosa Winkel" über die Verfolgung der Homosexuellen unter der Nazi-Herrschaft. - Nach der Ausstrahlung wendet sich Rudolf KLIMMER aus Dresden wieder an das Justizministerium der DDR.
Das Ministerium verwahrt sich in der Antwort vom 26. Okt.`66 gegen KLIMMERs Ansinnen.
Siehe: 1969

Kraushaar 1997 S.120 f.

1.7.1968

Der §175 des StGBwird in der DDR gestrichen. An seine Stelle tritt § 151: Androhung von Strafe für homosexuelle Beziehungen von Erwachsenen mit Jugendlichen unter 18 Jahren (während die Altersgrenze bei Heterosexualität auf 16 Jahre festlegt ist).
Ein Novum in der deutschen Rechtsgeschichte und logische Konsequenz der Gleichberechtigung der Frau ist, dass auch lesbische Beziehungen mit Strafe bedroht werden.

Rudolf KLIMMER verhindert die Festlegung einer Mindeststrafe.
zurück zu: 1964
Eine öffentliche Diskussion war unerwünscht und fand nicht statt (siehe: Ekkehard SCHALL):
Siehe: Okt.`84.

Noch bis in die Achtziger Jahre bleibt die Wendung "175er" eine (v.a. abschätzige) Bezeichnung für Schwule und die Zahl (incl. das Datum 17.5.) ein schwules Symbol.

Klimmer 1969 S.275,
Thinius 1990 S.150,
Grau 1995 S.118 f.

1968

"Das Leben Michelangelos" von Romain ROLLAND erscheint mit (unfrisierten) Briefen und Gedichten.

Rütten & Loening, Berlin, 1968

1969

Der Artikel über "Die Situation in der DDR" von Rudolf KLIMMER erscheint in dem Sammelband "Weder Krankheit noch Verbrechen" von Rolf ITALIAANDER, mit Texten von über 100 bekannten Persönlichkeiten unterschiedlicher Nation als "Plädoyer für eine Minderheit" - kurz vor der Reform des §175.

Das Aufklärungsbuch "Mann und Frau intim" von Siegfried SCHNABL erscheint in 1. Auflage, darin schreibt der Wissenschaftler : "... echte Liebe gibt es unter den Homosexuellen." (S. 306)

"Der Vulkan" von Klaus MANN erscheint

Gala Verlag Hamburg 1969 S.274

* * *

Greifen-Verlag Rudolstadt 1969

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1969

Der Hinstorff-Verlag, Rostock, lädt etwa zwei Dutzend Autorinnen und Autoren ein, Texte zum Thema Geschlechtertausch zu schreiben. So entstehen u. a. Christa WOLF: "Selbstversuch. Traktat zu einem Protokoll" (1973); Sarah KIRSCH: "Blitz aus heiterem Himmel" (1975); Irmtraud MORGNER: "Gute Botschaften der Valeska in 73 Strophen" (1980) oder Günter DE BRUYN: "Geschlechtertausch" (1973). - Die Männer beschreiben vorzugsweise die zum Teil sukzessive Verwandlung in eine Frau. Alle Texte thematisieren auf unterschiedliche Art traditionelle Muster, Vorurteile und Geschlechterrollen sowie Utopien und ein neues Emanzipationsbewußtsein im Lebensalltag der DDR. Die sexuelle Emanzipation wird zur Metapher gesellschaftlicher ›Verwandlung‹. (Virginia WOOLFs "Orlando" von 1928 erscheint erst 1983 im Insel-Verlag, Leipzig).

März 1969 ca.

"Stern"-Bericht über die Forschungen des (engagiert katholischen) Endokrinologen Günter DÖRNER mit Ratten, bei deren Nachkommen sich Homosexualität durch Stress während der Schwangerschaft gebildet habe.
Die international diskutierten und auf vielen Seiten der Fachwelt immer höchst umstrittenen Forschungen DÖRNERs werden von der DDR-Regierung mindestens seit Anfang der Sechziger Jahre stets großzügig gefördert: siehe 1972 und 4.10.2002. - DÖRNER spricht von Homosexualität als "Mißbildung", der es vorzubeugen gelte.

"Stern" Nr. ?, 1969,
v.Kowalski S. 40,
Michael Schütte 20.7.1989 (Kopie, Archiv Brühl)

Mai 1971

Erich HONNECKER wird Vorsitzender des Zentralkomitees: bei den Homosexuellen in der DDR weckt das Hoffnungen auf Liberalisierung.

Herrn 1997 S.42 + 1999 S.54,
Grau 1995 S.125

1972

Der Direktor des Institutes für experimentelle Endokrinologie der Humboldt-Universität Berlin, Prof. Günter DÖRNER veröffentlicht sein Buch "Sexualhormon-abhängige Gehirndifferenzierung und Sexualität", in dem er sich u.a. auf seine Tests an Ratten bezieht (siehe: März 1969) und die Entstehung menschlicher Homosexualität auf Stressfaktoren, die während der Schwangerschaft auf die Mutter einwirken, zurückführt.
Psychochirurgen aus der Bundesrepublik übertragen Anfang der Siebziger Jahre DÖRNERs Tests an Ratten auf den Menschen. Sie manipulieren bei Sexualstraftätern mittels Sonde das "Sexualzentrum". Als Sexualforscher öffentlich gegen diese Praxis protestieren, wird sie eingestellt.
In den Homosexuellenbewegungen der Siebziger und Achtziger Jahre werden DÖRNERs Forschungen und Thesen (u.a. von Martin DANNECKER in Frankfurt/M) scharf kritisiert. Siehe: 4.10.2002.
Erst ab 1987 beginnt DÖRNER, sich von jedem Ansatz, Homosexualität als Krankheit zu werten und sie verhindern zu wollen, zu distanzieren.

VEB Gustav Fischer Verlag Jena 1972,
Opitz in "Mikado" 1985 (Luchterhand Darmstadt 1988 S. 147)
Herrn Hamburg 1999 S.52

Dörner "Sexual Endrocrinology and Terminology" in: Experimental and Clinical Endocrinology, Vol. 91 May 1988 Nr.2 S.131,
Uhlemann 2003 S.22, S.27f.

Pfingsten 1972

Teilnehmer des 1. Westberliner Pfingsttreffens besuchen Ostberlin, wo sie von Michael EGGERT angesprochen werden, der sie anschließend durch die Stadt führt und motiviert ist, gemeinsam mit anderen Schwulen in der DDR eine emanzipatorisch aktive Gruppe zu organisieren.

Herrn 1999 S.55,
Aussage Eggert 11/2002

20.10.1972

Johannes SCHAAFs Film "Trotta" (BRD 1971) nach dem Roman "Kapuzinergruft" von Josef ROTH startet in DDR-Kinos.

Archiv J.Stargard

5.11.1972

Schwule der SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlin, organisiert und finanziert von der SED der DDR) nehmen am "Subbotnik" (freiwilliger Arbeitseinsatz am freien Samstag) auf dem westberliner Reichsbahngelände (das in DDR-Verwaltung stand) zugunsten von Nordvietnam teil.

HAW-Info (Homosexuelle Aktion Westberlin)

1973

Das Buch "Geschlechtserziehung in der sozialistischen Oberschule" von Studienrat Kurt BACH bezeichnet Homosexualität als Fehlentwicklung (für diese Beschreibung wird sich BACH später entschuldigen (siehe: "Für Dich" Nr.14/1984).


Waltraud LEWINs histor. Roman "Herr Lucius und sein schwarzer Schwan" erscheint, der bis in die Neunziger Jahre Nachauflagen erfährt und zu einer Art Code für Homosexuelle (Männer) wird

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1973
Aussage Grau 2002 (über Bach)

Verlag Neues Leben Berlin 1973

Der bayrische Dramatiker und Schauspieler Franz Xaver KROETZ erinnert sich 2006:
»Einmal, es muss 1973 gewesen sein, waren wir in Karl-Marx-Stadt, da war gerade FASSBINDERS Film "Wildwechsel" angelaufen, den er aus meinem Stück gemacht hat. Der Film hatte einen leicht pornographischen Touch, was aus heutiger Sicht gar nicht mehr stimmt. Auf jeden Fall kam da ein mittlerer SED-Charge auf mich zu und sagte: Wir haben uns deinen Film angeschaut, interessant, aber unser Volk ist dafür noch nicht reif. Da dachte ich: Wo bin ich denn da? Um Gottes willen. Diese Spießigkeit durch und durch.«
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"Franz, bring dich nicht um!"
Interview mit Franz Xaver Kroetz von Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert
in: "Die Zeit" v. 8.6.2006

14.1.1973

15.1.

Michael EGGERT lernt in der Berliner "Moccabar" (Friedrichstraße) Tagesbesucher aus Westberlin kennen: Frank RIPPLOH, Peter HEDENSTRÖM und zwei weitere Aktive der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) kennen, die ihn u.a. aufs Fernsehprogramm des nächsten Abends hinweisen. Peter RAUSCH wird besucht, weitere Interessierte informiert.

Die potentiellen HIB-Leute sehen sich gemeinsam den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (UA: 3. Juli 1971) von ROSA VON PRAUNHEIM und Martin DANNECKER im Westfernsehen an.
Einige Tage später kam es zu der seit ca. einem Jahr gemeinsam geplanten Gründung der ersten Homosexuellengruppe in der DDR: die "Homosexuelle Initiative Berlin" (HIB).

Herrn 1999 S.56,
Mahlsdorf 1992 S. 156/ 158,
Soukup 1990 S.43/47,
Grau 1995 S.125,
Aussagen Eggert 2002,
Rausch 2001, 11/2002, 1/2003

März 1973 ca.

Auf Initiative von Michael EGGERT, Michael KELLER (nur anfänglich dabei) und dem Studenten Peter RAUSCH treffen sich dann jeden Freitag ca. 10 homosexuelle Frauen und (vorwiegend) Männer; 14-tägig gab es sonntags Veranstaltungen (ca. 20-30 Personen), die in Wohnungen stattfanden.

Bei öffentlichen Veranstaltungen (z.B. Urania-Vorträge) und gegenüber Institutionen griffen HIB-Aktive in die Diskussionen ein; eine andere Art von Aktionen bestand aus gezielten Korrespondenzen mit DDR-Medien und Behörden.

Grau 1995 S.125,

* * *

Archiv + Aussage Rausch 11/2002

27.7. - 5.8. 1973

Auf der Abschlußdemo der Weltfestspiele der Jugend (5. 8. 1973) zeigen einige Schwule das Transparent "Wir Homosexuelle der Hauptstadt begrüßen die Teilnehmer der X.Weltfestspiele und sind für den Sozialismus in der DDR". -
Tage zuvor hatten HIB-Leute Flugblätter des englischen Schwulenaktivisten Peter TATCHELL für die GAY LIBERATION FRONT (GLF) verteilt. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit beendeten diese Aktion sofort. - Das Flugblatt rief zur Emanzipation der Homosexuellen auf und löste heftige Aggressionen aus. Auch Schwule der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin kritisieren die "Provokation". -
Bei dem GLF-Auftritt im "Freien Forum" (TATCHELL-Referat) nahmen, sichtbar ihnen zugeordnet, schwule FDJ-ler - im FDJ-Hemd: EGGERT und RAUSCH - teil. Während einer tontechnischen "Panne" kam es zu Publikums-Diskussionen.
- FDJ: Freie Deutsche Jugend, Massenorganisation der DDR.

Soukup 1990 S.43+47,
Grau 1995 S.125,
Aussage Rausch 11/2002

Dezember 1973

»Plädoyer für eine Minderheit«: Der DDR-Sexualwissenschaftler Siegfried SCHNABL meint in der populären Zeitschrift "magazin", dass es der Forschung eines Tages gelingen werde, Homosexualität vorzubeugen oder sie therapeutisch zu "heilen", er ruft indessen zu Toleranz auf, auch wenn es »den normal Veranlagten unvorstellbar sei«. Den »ausgesprochen Homosexuellen« legt er Zurückhaltung im Ausdruck ihrer »Abnormität« nahe.
Zuvor hatte er allerdings betont, daß es keinen Grund gäbe, "Homosexuelle" zu kriminalisieren oder moralisch abzuwerten. Aber: dass "so etwas" (Homosexualtät) "nicht normal ist, geht aus den Konsequenzen hervor, die sich ergäben, wenn alle Menschen homosexuell wären." -

Siehe: SCHNABL 1977

Schnabl in: "magazin" Nr. 12/1973

1974

(1. 2.) Der VISCONTI-Film "Tod in Venedig" (Italien `73) nach der Novelle von Thomas MANN startet in den Studiokinos der DDR.

"Lieder Briefe Gedichte" von Peter HACKS erscheinen (darin die Gedichte: "Erziehung der Gefühle" und "Morpheus").

"Der Wendepunkt" (1949 / in der BRD 1952 erstveröffentlicht) von Klaus MANN.

Am Berliner Ensemble inszenieren Ekkehard SCHALL und Barbara BERG "Leben Eduards des Zweiten von England nach Marlowe" von BRECHT und zeigen bewußt Männerliebe, die sie als berechtigtes menschliches Bedürfnis verteidigen. Sie formulieren eine für weite Kreise der Kulturszene der DDR repräsentative Haltung zum Thema Homosexualität, publiziert als Informationsmaterial zur Inszenierung, das kostenlos an der Theaterkasse auslag:
»Eduards Männerliebe zu Gaveston betrachten wir als ein angemessenes Bedürfnis, es ist stellvertretend für viele Bedürfnisse, welche das Individuum anmeldet und das die Gesellschaft, ihre Menschen, Gesetze und Moral, verkraften sollten. Die Homosexualität als menschliches Verhältnis wird einerseits nicht unterschlagen und steht andererseits nicht als Problem zur Diskussion.«

Die Produktionen des Berliner Ensembles wurden von der politischen und ideologischen Elite der DDR durchaus gezielt wahrgenommen. (Die Aufführung gerät übrigens zum Eklat und muss bald - nicht nur deshalb - abgesetzt werden. - Das gilt auch für die antiautoritäre Inszenierung von Frank WEDEKINDS Stück "Frühlings Erwachen" in der Regie von B. K. TRAGELEHN und Einar SCHLEEF, in der es eine spektakuläre lange Kußszene zweier Jungs gab; Premiere: 1. 3. 1974. U.a. diese Produktion führte zur Entfernung der Intendantin Ruth BERGHAUS vom Berliner Ensemble. - Siehe auch: 28.5.1978)

Archiv J.Stargard


Verlag Neues Leben Berlin 1974

Aufbau Verlag Berlin&Weimar 1974

Mitte 1974

Nach einem "Urania"-Vortrag über Sexualität in der Berliner Stadtbibliothek, bei der HIB-Leute (Lesben und Schwule) wie so oft durch Fragen und Diskussionsbeiträge Homosexualität thematisieren und anschließend noch auf der Straße diskutieren, bietet CHARLOTTE von Mahlsdorf (Lothar Berfelde) der HIB an, sich bei ihr im Gründerzeitmuseum (Berlin-Mahlsdorf) zu treffen. Manchmal werden bis zu 50 Lesben und Schwule kommen (bei Festen auch um 200).

Mahlsdorf 1992 S.157,
Aussage Eggert/Rausch 11/2002

1974

"Der gewöhnliche Homosexuelle" von Martin DANNECKER und Reimut REICHE erscheint in der BRD, ein empirisches Standardwerk, das (für viele andere, so Gisela BLEIBREU-EHRENBERG: "Tabu Homosexualität. Die Geschichte eines Vorurteils" (1978), hier nur stellvertretend genannt sei) in der DDR offiziell nicht rezipiert wird :
Siehe die Passage über Normalitätskonzepte und Ideologien

S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1974

1975

Als Heft 56 erscheint in der Reihe "Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie" (Hrsg. Manfred BUHR) das Buch "Der überanstrengte Sexus. - Die sogenannte sexuelle Emanzipation im heutigen Kapitalismus" des österreichischen Marxisten Walter HOLLITSCHER (darin u.a.: "'Enttabuisierung und Kommerzialisierung"), der biologistische Konzepte für Sexualverhalten und Geschlechterrollen ablehnt (u.a. unter Verweis auf M. MEAD), die patriarchalen Strukturen von Sex, Ehe und monogamischer Familie einer kompromißlosen historischen Kritik unterwirft (und ausdrücklich die Auflösung derselben als Zukunftsperspektive beschreibt!), sowie Fragen nach neuen Formen der Liebesverhältnisse prinzipiell als Indikator gesellschaftlicher Zustände thematisiert.
Von der DDR-Schwulenbewegung (zumal der nicht-kirchlich-angebundenen) wird dieses brisante Buch nicht verarbeitet (O.B.).

Der Umgang mit Homosexualität in Jugendheimen, Schifffahrt, Armee und Marine ist noch wenig untersucht. "Manifeste Homosexualität" reichte in den Siebziger Jahren als Ausmusterungsgrund wohl meistens nicht mehr.

Akademie-Verlag Berlin 1975

16.5.`75

Erstes von der HIB organisiertes "Pfingsttreffen" für DDR-Schwule - mit Diskussionsrunden, Ausflügen, Workshops und einem Premieren-Kinobesuch - denn:

Am Vorabend des 17. 5. (sic!) Start des USA-Musical-Films "Cabaret" (nach ISHERWOOD) in den Kinos der DDR.
- In der später oft gespielten Theaterversion ist das homosexuelle Motiv des Stücks ausgeblendet.

Weiterhin versucht die HIB ein breiteres Publikum zu erreichen. Das "bisexuell schwul-lesbische" Kabarett "Hibaré" führt eigene Programme auf, es gibt wöchentlich Diskussionen und Vorträge, Bälle werden veranstaltet. - Auch Schreiben an offizielle Stellen, um für das Thema zu sensibilisieren, gehören zur Strategie der HIB.

Aussage Eggert / Rausch 11/2002

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Archiv J.Stargard

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Archiv + Aussage Rausch 11/2002

August 1975 ?

Dr. Peter KLEMM wendet sich in Frauenzeitschrift "Für Dich" gegen die Forschungsergebnisse des Endokrinologen Prof. Günter DÖRNER, der nachzuweisen versucht, dass Homosexualität (zumindest bei Ratten) durch Streß der Mutter in der Schwangerschaft entsteht. - DÖRNERs "Forschungsergebnisse" lösen nicht nur in der Fachwelt, sondern auch in der Westdeutschen Schwulenbewegung heftige Proteste aus (s. Artikel von Martin DANNECKER).

HOSI-Wien 1984 S.95

Dannecker wiederveröffentlicht in: Wolfram Setz (Hrsg.) "Homosexualität in der DDR" Hamburg 2006

Oktober 1975

Im "Verlag rosa Winkel " erscheint die Dokumentation "Tuntenstreit" über die Auseinandersetzung innerhalb der "Homosexuellen Aktion Westberlin" zwischen feministisch-orientierten Schwulen und solchen, die es eher mit einem Sozialismus halten wie er in der DDR aufgebaut wird. Die Schwulen der DDR kommen darin kaum vor. Die Auseinandersetzung zieht sich bis Anfang 1977 hin.

Verlag rosa Winkel Berlin 1975
HAW "Tuntenstreit" 1975

15.1.1976

Die HIB versucht, als "Interessengemeinschaft" beim Meldeamt registriert zu werden, wird aber weiter verwiesen, sich als "Verein" anzumelden, was jedoch vom Berliner Polizeipräsidium der DDR abgewiesen wird (siehe auch: 10.12.1978, bzw. 1.Mai 1980, und: 9.Juli 1990).)

Archiv + Aussage Rausch 11/2002

1976

Artikel "Neues aus der DDR" von Manfred HERZER

"Ikarus über der Stadt" des schwulen Berliner Dichters Ulrich BERKES (der sich auf RIMBAUD bezieht, CARAVAGGIO beschwört und "Orte der Liebe" - wie z.B. Hauptbahnhöfe - besingt) erscheint.

"Wie ist das mit der Liebe? Ein offenes Wort des Frauenarztes" von Klaus TOSETTI kommt heraus: "Je mehr sie (die Homosexuellen, O.B:) sich den üblichen Verhaltensweisen anpassen, desto weniger sind ihre Beziehungen zu ihrer Umgebung und zur Gesellschaft insgesamt gestört. Erst wenn sie ihre besondere Art geradezu demonstrieren, werden sie zu Außenseitern. - Natürlich fällt es recht schwer, hierbei von Liebe zu sprechen."
(Siehe auch Februar 1978 und: D. OPITZ, 1985.)

"emanzipation" Nr. 1/1976

edition neue texte Aufbau, Berlin&Weimar

Verlag Neues Leben Berlin 1976 S.170-173

November 1976

Mit der Ausbürgerung Wolf BIERMANNs beginnt in der DDR eine kulturpolitische "Eiszeit" gegenüber Andersdenkenden. Ermutigt durch die polnische "Solidarnosc" bildet sich in der DDR vor allem innerhalb der Evangelischen Kirche eine oppositionelle Bürgerrechtsbewegung.

Grau 1995 S.129/131

Dezember 1976

Der Amerikaner Jim STEAKLEY veröffentlicht einen Bericht über die Lage der Schwulen in der DDR in "Body Politics" Nr.29, nachdem er ein halbes Jahr in Berlin (DDR) als Stipendiat arbeiten konnte. Dort - bei der HIB - traf er u.a. auch Rudolf KLIMMER (KLIMMER, der oft und gern zur HIB kommt, spendet dieser 2000 Mark).

Thinius, 1990, S.152f
Grau 1998 S.64,
HOSI-Wien 1984 S.131

1977

Siegfried SCHNABL schreibt in seinem Buch "Mann und Frau intim" (9., überarbeitete Auflage / s. 1969):
"Man kann die Homosexualität gar nicht als Krankheit bezeichnen, sondern muss sie als Variante der Sexualität auffassen. Ihre Träger leiden nicht unter Homosexualität, sondern höchstens unter den Schwierigkeiten, die sie ihnen im gesellschaftlichen Leben bereitet."
zurück zu Dez. 1973

"Eine andere Welt" (1960) von James BALDWIN erscheint mit einem Nachwort von Norbert KRENZLIN, in dem dieser die Beschreibung der homosexuellen Beziehungen im Vergleich zu den heterosexuellen Beziehungen hervorhebt; Liebe sei »als ein für das gesamtgesellschaftliche Verhalten der Individuen wichtiges tabufreies Kommunikationsfeld« unverzichtbar für ein bewußt geführtes Leben.

"Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei" (1976) von Heiner MÜLLER erscheint.

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1977


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Volk und Welt Berlin 1977

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Henschelverlag Berlin 1977

Sommer 1977

Carl LINDE vom "Archiv der Schwulenbewegung", Frankfurt, erhält aufgrund seiner häufigen Besuche bei Rudolf KLIMMER einen Teil von dessen Nachlass. Die Auswertung von Dokumenten zur Abschaffung des § 175 wird aber erst durch Günter GRAU (ehem. Verlagsdirektor der Evang.Verlagsanstalt Berlin) erfolgen (gegenwärtig in Arbeit).

Auf der TUNIX-Demo in Westberlin wird ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Transparent mit der Parole "Kampf der Schwulenunterdrückung in der BRD-DDR!" getragen.

Grau 1995 S.91

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Thinius 1990 S.146 (mit Abbildung)

Mitte Januar 1978

Die HIB feiert im Gründerzeitmuseum von CHARLOTTE von Mahlsdorf ihr 5-jähriges Bestehen.

Mahlsdorf 1992 S.156,
Aussage Rausch + Eggert 2002

Februar 1978

Die populärwissenschaftliche Zeitschrift "Deine Gesundheit" erscheint mit dem Schwerpunktthema "Homosexualität". Die betulich vertretenen Auffassungen wirken kaum progressiv. Hingegen hat die grafische Gestaltung von dem "Gesundheits"-Team (Jochen BALTZER und Siegfried RIEMER mit Fotos von Norbert VOGEL und Albrecht DÜRERs berühmtem "Adam-und-Eva"-Druck als Spiegelung von Adam und Adam) Esprit.
zurück zu: MISGELD

"Die Sprache der Männer", Erzählungen von Norman MAILER erscheinen (hrsg. v. Eva MANSKE).
(In der darin u.a. enthaltenen Knast-Story »Der Killer«: »Dreimal hatte ich mir mit meinem Kumpel eine Flasche geteilt. (...) Beim drittenmal hatten wir Sex. Demokratischen Sex. Wir besorgten es uns gegenseitig.«)

"Deine Gesundheit 2/1978,
Thinius 1990 S.148f.



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Reclam Leipzig 1978

April 1978

Die Volkspolizei verbietet ein geplantes landesweites Lesbentreffen (Org.: Uschi SILLGE) in CHARLOTTE von Mahlsdorfs Gründerzeit-Museum in Berlin-Mahlsdorf, verhört auch einige der Aktiven. Die Lesben (Uschi SILLGE) organisieren daraufhin ein Geheimtreffen. - Sie treffen sich weiterhin in Privatwohnungen oder mieten Gaststätten an.
Der Stadtrat für Kultur (oder Ministerium des Innern der DDR ?) verbietet Charlotte jede Art von Versammlung bzw. Veranstaltung im Museum. - Dies läutete, trotz verschiedener weiterer Anstrengungen, das Ende der HIB ein.

Mahlsdorf S. 159,
Aussage Rausch 11/2002

1.5.1978

In Stuttgart werden Schwule, die mit eigenen Parolen an der Mai-Demonstration teilnehmen wollen, von DKP-Ordnern verprügelt.

emanzipation Nr.?

28.5.1978

In der Staatsoper Berlin Premiere der MOZART-Oper "La clemenza di Tito" ("Titus"), in der die Regisseurin Ruth BERGHAUS (»'Normal' ist ein rassistischer Begriff«) unter Protesten u.a. Knabenliebe der Titelgestalt (Tenor Peter SCHREIER im transparenten Kostüm) darstellt. Einen Liebling des römischen Kaisers spielt der minderjährige Sohn der Ausstatterin. - Der Musikwissenschaftler und Philosoph Georg KNEPLER wertet die szenische "Entdeckung" der "römischen Homosexualität" in MOZARTs Römer-Oper kulturgeschichtlich positiv.
zurück zu 1974

Sigrid Neef "Das Theater der Ruth Berghaus" Henschelverlag Berlin 1989 S.119/120

"Halbtolerante Antwort eines Mediziners in der Frauenzeitschrift "Für Dich" auf einen Leserbrief zur Frage der Homosexualität .

"Für Dich" Nr. 39/78

10.12.1978

Ablehnungsbescheid des Ministeriums für Gesundheit an die HIB, betreffs Gründung eines Vereins für homosexuelle Bürger und Bürgerinnen: "... da dafür kein gesellschaftliches Bedürfnis vorliegt."
(Siehe: 15.Januar 1976 und: 20.9.`79 )

Grau 1995 S.127,
Archiv + Aussage Rausch 2001

1979

Ein Band Erzählungen von André GIDE erscheint, darunter "Uns nährt die Erde" ("Les Nourritures terrestres", 1897), worin es u.a. heißt: »Ich hasse Euch, Ihr Familien, Ihr ungastlichen Herde, verriegelte Türen, eifersüchtig gehüteter Glücksbesitz.« Anschließend wird die Verführung eines Jungen zu Flucht, Lebensgenuß und den Freuden der Liebe gepriesen. – Im Nachwort (Mai 1978) deutet Brigitte SÄNDIG, nachdem sie von »der Bewahrung seiner Persönlichkeit – vor den sterilisierenden gesellschaftlichen Normen in erster Instanz« gesprochen hat (S. 760), zu "Die enge Pforte" einen relevanten Bezug an (S. 766 f.): »Eine solche Fahndung nach biographischen Bezügen wäre belanglos, spräche Gide nicht mit dieser (. . .) Problemkonstellation Grundfragen der Geschlechterbeziehungen an (. . .). Womöglich machte die Aversion gegen ungebrochene männliche Selbstherrlichkeit infolge seiner Homosexualität den Autor so hellhörig und empfindlich für diese – allgemeiner Berücksichtigung damals noch weit entrückte - Sphäre.«

Verlag Volk und Welt Berlin 1979

März 1979

Erste informelle Treffen der späteren "Demokratischen Schwulen Initiative" (DSI), einer bundesweiten linken Schwulenorganisation, die bei aller Kritik an der Lage der Schwulen im real existierenden Sozialismus zur sozialistischen Utopie steht (wie viele Schwule in der DDR auch).

Die empirische Monographie "Geschlechtsspezifische Einstellungen und Verhaltensweisen bei Jugendlichen" von Otmar KABAT VEL JOB (Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig) erscheint.
("Große Aufmerksamkeit wird der Erziehung in der Familie gewidmet. Dabei deckt der Verfasser auch vielfältige Bedingungen für geschlechtstypische Verhaltensweisen auf, die dem Wesen unserer Gesellschaft nicht mehr entsprechen"). KABAT VEL JOB zitiert u.a. H. DANNHAUER ("Geschlecht und Persönlichkeit", VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1973), Simone de BEAUVOIR, M. MEADs und I. KONs Forschungsergebnisse (Siehe: 1985) usw., nicht angeführt ist DÖRNER, KABAT VEL JOB referiert distanziert endogenistische Erklärungsansätze (auch der Homosexualität, S.144, Anm.5), kritisiert sie sogar als dem Marxismus nicht entsprechend und definiert u.a. "Geschlechtsrolle" antibiologistisch als Begriffskonstrukt für eine Summe historisch bedingter geschlechtsspezifischer gesellschaftlicher Erwartungen.
Auch diese Arbeit bleibt von der späteren (insbesondere der nicht-kirchlich-angebundenen) Schwulenbewegung, z.B. bei der Argumentation kontra DÖRNER, ungenutzt.

Schwamborn 1983 S.181 + 208


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Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1979

20.9.1979

Die HIB wird nach mehreren Eingaben zu einem Gespräch beim Ministerrat der DDR geladen: Ablehnung staatlicher Förderung und Organisation von Homosexuellen. - Die Probleme würden zwar verstanden, aber gesellschaftlich könnten auch in Zukunft keine Lösungen gefunden werden, da u.a. Partnersuche im Dienste der "Erhaltung der Art" stünde.

U.Sillge: Gedächtnisprotokoll, Archiv Rausch

2.11.1979

Luchino VISCONTIs Film "Gewalt und Leidenschaft" ("Gruppo di famiglia in un interno" Italien 1974) startet in der DDR.

Archiv J.Stargard

Achtziger Jahre

Noch in den 80-er Jahren legt der Aufbau-Verlag in seiner bb-Taschenbuchreihe eine gekürzte Version von Thomas MANNs Roman "Lotte in Weimar" (1939) immer wieder auf, in der das positive homoerotische Gedankenspiel am Anfang des 8.Kapitels fehlt.

Der DDR-treue Autor Dieter NOLL beschreibt in seinem Roman "Kippenberg" einen homosexuellen Berufskollegen (Ende der 80-er Jahre als Mehrteiler für den DDR-Fernsehfunk verfilmt).

Gerhard MISGELD (Mitarbeit Artikel "Deine Gesundheit", siehe oben: Februar 1978) gibt in: 'nl konkret' (46) sein Aufklärungsbuch "Sexualität in unserem Leben" heraus (Homosexualität wird wieder nur am Rande gestreift, z.B.: "Der Konflikt mit der eigenen Geschlechtszugehörigkeit verursacht oft eine Ausprägung homosexueller Wünsche").

Die SED beschließt 1981 eine neue Linie bezüglich der Individualität: eine wichtige Voraussetzung für weiteren gesellschaftlichen Fortschritt im Sozialismus sei die "ganzheitliche" Entwicklung der Individuen.

Die Briefwechsel-Annoncen (als Kontakt-Anzeigen) in den Zeitungen (v.a. in der populären "Die Wochenpost") verschwinden; damit gibt es keine Möglichkeiten für Kontaktsuche per Medien in der DDR für Homosexuelle (v.a. Lesben!). Die einzige Werbeagentur (DEWAG) unterstand via ZENTRAG (Presse) direkt der SED.

Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1975

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1979

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Verlag Neues Leben Berlin 1980

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Thinius 1994 S.49

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Aussage U.Sillge 2001

1980

Uwe SAEGER, "Nöhr", Roman

Hinstorff Verlag Rostock 1980

1. Mai 1980

Die HIB stellt, entnervt durch die ständigen Ablehnungen und repressive Maßnahmen staatlicher Stellen, ihre Veranstaltungen ein. - Zwei, drei Aktive arbeiten (mit Eingaben, Briefen etc.) weiter, im privaten Rahmen finden weiterhin Treffen und Parties statt, eine Öffentlichkeitsarbeit aber gibt es nicht mehr.
(Zurück zu: 15.Januar 1976)

Wiederholte Versuche von Uschi SILLGE, einen Club für Lesben und Schwule, auch in Kontakt mit anderen ehemaligen HIB-Leuten, ins Leben zu rufen, folgen in den nächsten Jahren.
Erst 1986 führen sie zu einem ersten Erfolg.

Grau 1995 S.128,
Aussage Eggert/Rausch 2002

1981

"Giovannis Zimmer" von James BALDWIN (1956) erscheint mit einem Essay von Bernhard SCHELLER, in dem u.a. Rassismus und Antihomosexualität (entsprechend den Auffassungen des USA-Autors, doch hier in Bezug auf die Gegenwart der DDR) in Zusammenhang gesetzt werden:
»Der ›weiße‹ Sexbegriff impliziert bürgerliche Heuchelei, die nur zwei Extreme kennt: Entweder verkümmert alle Sinnlichkeit in der Nachfolge viktorianischer Prüderie, oder sie artet geschäftsmäßig zu Pornographie oder Prostitution aus.« Baldwin sehe »die sexuelle Befreiung als ein nicht unwesentliches Moment der ›schwarzen‹ Emanzipation«. Er zitiert BALDWIN mit den Worten, das »tiefe Erschauern, das das Wort ›homosexuell‹ bis zum heutigen Tage im Geist oder in der Seele des Amerikaners provoziert (. . .), ist ganz einfach die Angst vor jeder menschlichen Berührung, da jede menschliche Berührung den Menschen verändern kann.«

"Grashalme" von Walt WHITMAN (1855/1892) erscheint.

Reclam Leipzig 1981



S. 180 ff.







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Reclam Leipzig 1981

Juni 1981 ca.

In der BRD werden die ersten Fälle der tödlich verlaufenden Immunschwächekrankheit AIDS bekannt. In der DDR wird die Bedrohung durch AIDS zunächst verleugnet.

Herrn 1999 (AIDS)

Oktober 1981 ca.

Der erste schwule Stadtführer "Berlin von hinten" erscheint im Verlag Bruno Gmünder. Die "Szene in Ostberlin" wird lediglich mit einem Satz erwähnt.

Gmünder 1981 S.226

Gmünder 1988 Axel Spieweg

1982

Der kritische Lesbenfilm "Aus anderer Sicht" von Karol MÁKK (Ungarn 1982) wird, wie andere kritische und/oder experimentelle Filme auch, in Abständen immer wieder im Haus der Ungarischen Kultur in Berlin Karl-Liebknecht-Strasse gezeigt.Der emotional und sozial genau erzählte Film entlarvt anhand einer lesbischen Liebesbeziehung die vorgebliche Normalität von Heterosexualität und machistischer Gesellschaft – und zwar die der sozialistischen Volksrepublik in den 50er Jahren. Am Ende kommt die junge Journalistin bei einem Fluchtversuch um.
Viele DDR-Schwule konnten sich mit dieser Sicht identifizieren.

"Trauer und Melancholie" - eine Auswahl Essays von Siegmund FREUD - erscheint erstmals auf Anregung des Dichters Franz FÜHMANN. Das Nachwort bildet ein Gespräch des Mitherausgebers Dietrich SIMON mit FÜHMANN, in dem es u.a. heißt:
»Gerade, weil die menschliche Sexualität im Unterschied zur tierischen, nur auf Fortpflanzung gerichteten, in hohem Maße ein unspezialisiertes Bedürfnis ist, das sich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse verändert und sie ausdrückt, kann die Analyse des Sexualverhaltens zu einem Ansatz der Gesellschaftsanalyse werden.«
(Siehe auch 1984)
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Archiv J.Stargard




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Verlag Volk und Welt Berlin 1982 S. 209

9.2.1982



21.2.1982

Die Tagung der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg über Homosexualität löst den Neubeginn zu einer übergreifenden Schwulen- und Lesbenbewegung in der DDR aus.

Dr. Manfred PUNGE berichtet in seinem Artikel "Man sollte darüber sprechen" von dieser Tagung, die er vorbereitet hatte, und ruft zu Treffen in Berlin auf, woraus der "Gesprächskreis Homosexualität" wird (der noch heute arbeitet).

Grau 1995 S.131

"Die Kirche" Nr.8/1982
Aussage Birmele 2002 (zu 9. + 21.2.1982)

ab Frühjahr 1982

Die kirchlich angebundene, öffentlich-wirksame Schwulenbewegung der DDR beginnt in der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig mit einem "Arbeitskreis Homosexualität". Leipziger Schwule (u.a. Matthias KITTLITZ, Eduard STAPEL) hatten sich in privaten Selbsthilfegruppen seit Herbst 1981 mit ihren Diskriminierungserfahrungen auseinander gesetzt. (Siehe: 25.4.1982) -
U.a. auch den Aktivitäten dieses AK werden die späteren (staatlicherseits organisierten und öffentlichen) Tagungen "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" (siehe: 28.6.1985 ) zu danken sein.

Stapel 1999 S.5/S.10/S.19

Kittlitz in: Grau 2001 S.75f.

Dienstag, 13. April 1982

Erste Zusammenkunft des "Gesprächskreises Homosexualität",
bis Dezember 1986: in der Philippus-Apostel-Gemeinde Berlin-Mitte,
seit Januar 1987: weiterhin 14-tägig in der Adventgemeinde Berlin-Prenzlauer Berg (kontinuierlich bis heute).

Archiv P. Birmele

25.4.1982

Gründung des ersten "Arbeitskreises Homosexualität" in der ESG (Evangelische Studentengemeinde) Leipzig: v.a. Eduard STAPEL und Matthias KITTLITZ organisieren den Aufbau der Arbeit. Die ESG hatte unter dem Motto "TABU HOMOSEXUALITÄT wie gehen wir damit um?" zu einem theologischen Vortrag von Pfarrer Dr. Jürgen ZIEMER eingeladen.(Siehe auch im Folgenden: Frühjahr 1982) -
Es gründen sich weitere Arbeitskreise innerhalb evangelischer Gemeinden. - So versuchen Christian PULZ, Marina KRUG, Ulli ZIEGER, Ralf LIMBECKER u.a. beim Friedensarbeitskreis von Pfarrer Rainer EPPELMANN (nach der Wende letzter Verteidigungsminister der DDR) in der Berliner Samaritergemeinde eine Gruppe nach Leipziger Vorbild aufzubauen, werden aber abgelehnt.

Katalog 1997 S.295,
Stapel 1999 S.12,
Archiv P. Birmele,
Soukup 1990 S.71

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Aussage P. Birmele,
Aussage Chr. Pulz 1999

Frühjahr 1982

II. Berliner Friedenswerkstatt (Erlöserkirche): zum ersten Mal präsentieren sich offiziell mit einem Informationsstand Schwule (mit Männern und Frauen - unter dem Motto "Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger"), Lesben hatten vis-á-vis ihren Stand bei der Bürgerrechtlerin Bärbel BOHLEY.
In allen folgenden Berliner Friedenswerkstätten sind die Stände der Schwulen und Lesben mit Aufklärung und Information vertreten und erregen, dicht umdrängt, große Beachtung (nicht zuletzt bei den staatlichen "Organen").

Aussage Chr. Pulz 1999

29.8.`82

Erste Veranstaltung des Berliner Arbeitskreises "Homosexuelle Selbsthilfe" (zunächst in der Philippus-Kappelle, Hohenschönhausen - ab 8. 1. 1984 dann in der Bekenntnisgemeinde Treptow) : 14-tägig treffen sich sonntags "Schwule in der Kirche", an den anderen Sonntagen "Lesben in der Kirche" (die, 1984, zur Gethsemanegemeinde überwechseln): später gibt es außerdem eine Schwule Studentengruppe in der ESG, eine Schwule Jugendgruppe, eine Männergruppe (von denen einige in Anarchiegruppen mitarbeiten und/oder die Umweltbibliothek bei der Zionskirche aufbauen) und: eine Theoriegruppe.

Akten-Kopie BStU (Archiv Pulz)

1983

Der Dichter und Dramatiker Ulli ZIEGER erstellt Anfang 1983 (nicht erst 1984) für den Berliner Arbeitskreis ("Schwule in der Kirche") ein Grundsatzpapier "Zur schwulen Realität in der DDR. 8 Bemerkungen und ein Versuch dagegen". 1985 von Christian PULZ aktualisiert (wie stets unter dem Schutzmotto: "Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch!").

Die mit antihomosexuellen Vorurteilen gespickte Dissertation von G. FEHR "Zu einigen Aspekten der Entwicklung der Risikogruppe der männlichen Homosexuellen..." unterstellt schwulen Männern generell Streben nach "westlichem Lebensstil".

Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft "Medizinische und pädagogische Probleme der Sexualität" finden erste Erkundungsgespräche zwischen Wissenschaftlern, Praktikern aus Beratungsstellen und Homosexuellen statt.

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Der schwule Architekt, Dichter, Maler, Fotograf und Dressmen "Gino" (HAHNEMANN, geb. 1946) dreht u.a. seinen Film über Friedrich den Großen im AK-8-Schmalfilm-Format. GINO gestaltet Veranstaltungen der Schwulenbewegung mit Filmen. - GINO drückt in seiner assoziativen Ästhetik stets und selbstverständlich auch schwule Inhalte aus, bzw. formuliert Künstlerisches oft über schwule Formen und Anlässe, die er immer in ihren historisch-politischen Zusammenhängen zeigt. Seine damals für manche provozierenden Bildphantasien sind auf vielen inoffiziellen Kunstveranstaltungen zu erleben und finden so ein breites, gemischtes Publikum. Die Bücher und Filme (Hölderlin, Kaspar Hauser, Debussy, Madonna sind u.a. Themen) haben Titel wie: "Wir alle sind nur in dem Maße Menschen geworden, in welchem wir Menschen liebten oder Gelegenheit hatten, sie zu lieben", "Die Täuschung verträgt die Realität nicht" (Goethe-Film), "Unser täglich Luther gib uns heute", "die geschichte vom fluß, der sich nicht ans gesetz halten konnte", "das ghetto ist zu klein für uns beide" - sie alle sind: "Allegorien gegen die vorschnelle Mehrheit".
Siehe auch: 19.1.1986
28./29.Juni 1986
14. Januar 1990
1991

GINO starb am Ostermontag 2006 in Berlin und ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof unweit von Anna Seghers und Hanns Eisler beigesetzt. - Der Nachlass geht an die Akademie der Künste Berlin.

Archive (u.a.): Birmele, Brühl, Ebel, Eggert, Pulz

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Thinius, 1990 S.154/155/161

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Thinius 1990 S.157

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1983

"Orlando" (1928) von Virginia WOOLF erscheint, der Roman beschreibt die soziale Rollenerfahrung eines genialbegabten, erfolgreichen Mannes auf seinem Weg durch die Jahrhunderte, der sich zu einer Frau wandelt.


"Teorema oder Die nackten Füße" (1968) von Pier Paolo PASOLINI erscheint. Ein Buch, das wie der gleichnamige Film dem Zusammenhang von Klasse, Sexualmoral und politischem Verhalten nachgeht.


Die Autobiographie "Stirb und werde" (1920/21) von André GIDE erscheint.




"Der Erlkönig" (1970) Roman von Michel TOURNIER kann (mit seiner kleinen Philosophie der Masturbation) als Taschenbuch erscheinen.


"Tod in Rom" (1954) von Wolfgang KOEPPEN erscheint, ein Roman, der die Verzweiflung an der unbewältigten Ideologie des Dritten Reichs in der Nachkriegszeit aus der kritischen Perspektive eines schwulen antifaschistischen Künstlers beschreibt.



Gedichtband "Mit der Sanduhr am Gürtel" des Leipziger Dichters Thomas BÖHME erscheint, der darin auch Knabenliebe im modernen Alltag besingt.

"Männerprotokolle" von Christine Müller erscheinen (u.a. mit der Lebensgeschichte eines Schwulen).

In Uwe SAEGERs "Simon oder die gefällige Lüge" lebt Herr Friedemann kurz mit der Transsexuellen Lucie zusammen. (S. 39-45)

Insel-Verlag Leipzig 1983

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Verlag Volk und Welt Berlin 1983

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Reclam-Verlag Leipzg 1983

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1983

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Verlag Volk und Welt Berlin 1983

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1983

Buchverlag der Berlin 1983

Buchverlag der Morgen Berlin1983

Mai + Juni 1983

Erste gemeinsame Aktionen von Homosexuellengruppen auf den Evangelischen Kirchentagen zum Lutherjahr (z.B. Erfurt 12.-15.5. und Magdeburg 23.-26.6.) werden vom Ministerium für Staatssicherheit als "Erscheinungsformen politischer Untergrundarbeit" observiert.

Grau 1995S.135,
Stapel 1999 S.22/S.28 u.a.

6.6.1983

Der SPIEGEL-Artikel "Tödliche Seuche AIDS" greift die Promiskuität der Schwulen als Ursache der schnellen Ausbreitung an: In der DDR wird die Bedrohung weiterhin verleugnet.

Salmen/Eckert 1989 S.69

30.6.1983

Der Berliner Arbeitskreis "Homosexuelle Selbsthilfe / Schwule in der Kirche" (unter Mitwirkung von Eduard STAPEL als Theologe) veranstaltet in der Erlöserkirche einen Gedenkgottesdienst "für die homosexuellen Opfer des Faschismus".
Erste (von staatlichen Kräften verbotene) Versuche von Kranzniederlegungen in den ehem. KZ's Sachsenhausen und Buchenwald. -
Die Kranzniederlegungen werden alljährlich anläßlich des CSD wiederholt.

Aussage Chr. Pulz 2000

2.7.1983

Kranzniederlegung für homosexuelle Opfer des Faschismus durch eine Gruppe von Schwulen aus Berlin, Leipzig, Halle, Magdeburg und Erfurt

Archiv Joachim Müller

23.9.1983

Zeitschrift "Die Kirche" versucht, Meinungen über Homosexualität, die sich aus Leserzuschriften nach diesbezüglichen Artikelveröffentlichungen herausfiltern lassen, in 4 Gruppen zu klassifizieren (1. Empörte Ablehnung, 2. Verurteilung, 3. Mitleidige Nachdenklichkeit und 4. Forderung nach Auseinandersetzung).

Grau 1989 S.18f.

1.10.1983

Tagung der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt zum Thema "Homosexualität und Gesellschaft". -
Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit dokumentiert.

Stapel 1999 S.28 u.a.

12.10.1983

Eduard STAPEL gründet den Arbeitskreis Homosexualität in Magdeburg. - Vom Ministerium für Staatssicherheit beobachtet und dokumentiert, regt STAPEL weitere Gründungen an (Erfurt, Aschersleben, Halle, Brandenburg, Jena, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Halberstadt), organisiert mit, und wird zu einer der zentral wirksamen Persönlichkeiten der DDR-Schwulenbewegung.

Das Ministerium für Staatssicherheit lässt diese Vorgänge observieren, insbesondere STAPEL, und bringen wegen der "politisch-negativen" Einstellung und Verbindungen ins "NSA" (nicht-sozialistische Ausland) strafrechtliche Konsequenzen in Relevanz.

Mitarbeiter der Kirche und homosexuelle Frauen und Männer gründen in Lutherstadt Eisleben im Bezirk Halle einen AK Homosexualität, um im ländlichen Gebiet Anlaufstelle zu sein und Aufklärungsarbeit zu leisten. Wegen geringer Resonanz zieht der AK im Mai 1984 in die Evang. Stadtmission Halle um.

Stapel 1999 S.30ff/S.62 u.a.










Kraushaar 1997 S.191

3./4.11.1983

Christian PULZ regt überregionale Treffen der Arbeitskreise Homosexualität in der Samariter-Gemeinde Berlin zwecks Erfahrungsaustauschs an.
Fortan finden diese regelmäßig an verschiedenen Orten statt.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

21.11.1983

Kriminalakte "Gloria" (gegen PULZ und AK-Mitarbeiter) zur "Aufklärung einer homosexuellen Gruppe" angelegt.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

27.11.1983

Internes Zusammentreffen in der Wohnung von Christian PULZ mit westberliner Schwulen und österreichischen Journalisten zur Information über schwul-emanzipatorische Aktivitäten in der DDR.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

Dezember 1983

Der Artikel "Entwicklung des Sexualverhaltens" (1) in der "Gesundheit" relativiert die Geschlechterrollen als historisch und leitet u.a. auch die Entstehung von Sexualnormen, z.B. religionsgeschichtlich und militärisch her.
Im darauffolgenden Artikel "Partnerbeziehungen" (2) wird zwar für gelebte Sexualität im Alter geworben, für das Überwinden antisexueller Moralurteile, die Gleichberechtigung der Geschlechter beschrieben und das sexuelle Selbstbewußtsein der berufstätigen Frau, doch all dies im idealisierten Rahmen realsozialistischer Familienplanung: Homosexualität bleibt unerwähnt.

(1) H. Szewczyk in: Deine Gesundheit 11/1983 S.356 ff. + (2) Anita Weissbach-Rieger ebd. S. 360 ff.

1984

"Kassandra. Vier Vorlesungen und eine Erzählung" von Christa WOLF erscheint (mit zensurbedingten Auslassungen). WOLF beleuchtet darin die patriarchalen Strukturen der Macht und des Alltags auch für den realexistierenden Sozialismus kritisch und setzt sie in Beziehung zu Ähnlichem und Gleichem im Kapitalismus. Sie fragt nach un-autoritäreren, un-tödlicheren Alternativen, bzw. nach historischen Spuren und Ansätzen zu solchen.

Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1983

Tennessee WILLIAMS´ letzter und bedeutendster Roman "Moise und die Welt der Vernunft" (1975) erscheint (mit einem Nachwort von Irene SKOTNICKI): eine Satire auf die Geist- und Gnadenlosigkeit der herrschenden Normalität der weißen, heterosexuellen Gesellschaft, in der das schwule Begehren des gescheiterten Außenseiters als Refugium trotziger Menschlichkeit mit viel Witz gestaltet ist.

* * *

Die Lyriksammlung "Tandem" von Ulrich BERKES erscheint und wird bis in die Neunziger Jahre neu aufgelegt.

* * *

Waldtraut LEWINs histor. Roman "Federico" über den Staufenkaiser Friedrich II. erscheint



Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1984

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1984

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Verlag Neues Leben Berlin 1984

"Ausgewählte Schriften" von Siegmund FREUD erscheinen (darin u.a. erstmals in der DDR die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" von 1905 mit der Erklärung: »Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der anderen, sie sei erworben, ist das Wesen der Inversion erklärt.«

In FREUDS berühmten »Zusatz von 1915« heißt es:
»Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualregungen studiert, erfährt sie, dass alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben.«)
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Reclam-Verlag Leipzig 1984

Januar 1984

»Wir trennen uns von all jenen, die ein falsches Verhältnis zum Staat, zur Arbeit oder zum anderen Geschlecht haben.« Ein SED-Genosse gegenüber Klaus LAABS zur Erklärung der genehmigten Ausreisewelle von vorwiegend schwulen und lesbischen DDR-BürgerInnen in die BRD. (LAABS »In eigener Sache, maskiert«)

Laabs "Freitag:
Die Ost-West-Wochenzeitung"
Nr. 39 / 29.09.2006

Frühjahr 1984

Dr. Kurt BACH revidiert seine frühere negative Haltung zur Homosexualität in einer Stellungnahme auf einen Leserbrief in der Frauenzeitschrift "Für Dich" (Siehe 1972).

"Für Dich" Nr. 14/1984

April 1984

Ein Positionspapier von Klaus LAABS an das SED-Organ der Humboldt-Universität mit einer Aufforderung an die SED zur Auseinandersetzung mit der Homosexualitätsfrage führt zu einem heftigen Konflikt.
Im August `84 wird LAABS schließlich "wegen Verstoßes gegen die Einheit und Reinheit der Partei" aus der SED ausgeschlossen..

Thinius 1994 S.45 S.35 f.

20.6.1984

Die Tageszeitung "Neue Zeit" meldet: "Keine Fälle von AIDS in der DDR".

Thinius 1994 S.34f

30.6.1984

Kranzniederlegungen zu Ehren der homosexuellen NS-Opfer in den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen (Oranienburg). Auf Verlangen staatlicher Mitarbeiter müssen die Kränze wieder mitgenommen werden.

Katalog 1997 S.296,
Archiv M.Kittlitz, Leipzig,
u.a. Archiv und Aussage 2002 Joachim Müller

8.7.1984

In der Ausstellung über Homosexualität auf der Friedenswerkstatt in der Erlöserkirche Berlin wird u.a. der Kranz gezeigt, dessen Niederlegung zu Ehren der homosexuellen Opfer des Faschismus in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen zuvor von staatlicher Seite verhindert wurde.

u.a. Archiv Joachim Müller

20.7.1984

Mitteilung der Hauptabteilung VII/2 des MfS beweise, dass es eine umfangreiche Datei "aller bekannten Homosexuellen" gäbe.

Grau 1995 S. 138

August 1984

Artikel "AIDS - eine gefährliche neue Krankheit" erscheint in "Wissenschaft und Fortschritt"

"Liebe und Sexualität bis 30" erscheint mit einem Abschnitt über Homosexualität von Siegfried SCHNABL und Kurt STARKE. Darin heißt es u.a.: "Die Homosexualität ist wenig erforscht." - "Niemand sollte wegen seiner homosexuellen Neigungen diskriminiert werden." Das Buch enthält Fotografien eines lesbischen und eines schwulen Paares. Die Autoren fordern von der Umgebung junger Menschen, die homosexuelle Neigungen bei sich entdecken, Unterstützung und die Minimierung evtl. auftretender Belastungen ein.

"Wissenschaft und Fortschritt" 8/1984 S.213

* * *

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1984 S.290-305

6.8.1984

Die Leitung des Berliner Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" (Chr. PULZ, K. FRIEDEL, W. RÜDDENKLAU, R. LIMBECKER) erarbeitet einen Forderungs- und Vorschlagskatalog für staatliche Stellen.

Archiv Pulz

Herbst 1984

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Homosexualität" (Dr. Bert THINIUS) an der Berliner Humboldt-Universität nimmt ihre Arbeit auf.

Thinius 1990 S.157

Oktober 1984

Der Hamburger Verlag "Frühlings Erwachen" publiziert die Dokumentation "Rosa Liebe unterm roten Stern - Zur Lage der Lesben und Schwulen in Osteuropa"; u.a. auch Bericht über DDR als dem "relativ liberalsten der sozialistischen Länder".

Anhörung von Sexualwissenschaftlern vor dem 3. Strafsenat des Obersten DDR-Gerichts zum Thema Homosexualität.
(Siehe: 24.3.`87).

HOSI Wien 1984 S.27

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Thinius 1990 S.157

6.10.1984

Schwule des Berliner Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" treffen sich mit dem Sprecher des Westberliner Arbeitskreises "Homosexualität und Kirche".

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

21.4. - 17.5.1985

Die 5-teilige Artikelserie "Die Scham, das einem das Hinsehen so leicht fällt" von Olaf BRÜHL wird in der Mecklenburgischen Kirchenzeitung veröffentlicht (erstmals eine positiv-affirmative Darstellung von Homosexualität im Zusammenhang mit Frauenemanzipation und Kritik an Antihomosexualität und Patriarchat, ohne Toleranzwerbung von einem Schwulen).

Grau 1987 S.126/S.135 + 1989 S.21/22,
Soukup 1990 S.115,
Thinius 1994 S.33 ff

1985

Der international renommierte Sowjet-Sexuologe Igor KON wird in der DDR veröffentlicht (herausgegeben von Walter FRIEDRICH und Kurt STARKE). Sein Standardwerk "Einführung in die Sexuologie" (1981) wertet innerhalb einer Gesamtdarstellung und sexual-sozialen Rollenanalyse die Beschreibung von Homosexualität und Heterosexualität als unzureichende Kategorisierungsversuche von menschlichem Sexualverhalten.
zurück zu: März 1979

* * *

Der junge Autor Detlef OPITZ veröffentlicht seinen witzigen Aufsatz "Wie anders denn?" über Homosexualität in der DDR in der inoffiziellen selbstverlegten Zeitschrift "Mikado". Dort wird der Text wohl nur von literarisch interessierten LeserInnen der alternativen Szene wahrgenommen. - OPITZ kritisiert u.a. die als inhuman entlarvte Grundhaltung von Prof. DÖRNER, das Nichtvorhandensein einer gesellschaftlichen Diskussion über Homosexualität und die schädlichen Folgen des Christentums. Er referiert das Verebben der Schwulenbewegung (und erinnert eine "Initiative homosexueller Bürger" / "IhB", womit die HIB gemeint ist), diskutiert den Lustfaktor und plädiert mit "heterosexuellen" Argumenten für Homosexualität und die Vielfalt der Sexualitäten.

* * *

"Junge Liebe", ein Aufklärungsbuch von Klaus PLEISSNER erscheint mit freundlich-toleranten Ausführungen zum Thema Homosexualität im Kapitel "Was ist unter abnormer Sexualität zu verstehen?"

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1985 (S.279-312)


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Mikado Berlin 1985
("Mikado oder Der Kaiser ist nackt": Sammlung Luchterhand Darmstadt Nov. 1988 S.147-164)



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Verlag Neues Leben Berlin 1985

"Tagebuch" (1882) von Walt WHITMAN (Hrsg. Eva MANSKE) erscheint.

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Der Roman "Erinnerungen des Hadrian" (1951) von Marguerite YOURCENAR erscheint. Im Nachwort (S. 289): die Autorin rühre »an die heikle Frage der Homosexualität. Die sexuell-erotische Beziehung zwischen Gleichgeschlechtlichen ist in ihren Augen eine Form der ‚sinnlichen Freiheit’, die der Mensch für sich erwirken kann, indem er seine ›abnorme‹ Natur annimmt.«

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"Der zärtliche Jossif" von Michail KUSMIN (1909) erscheint.- Die Homosexualität des Autors oder in seinen Geschichten ist kein Thema in der DDR.

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"In der Hand des Engels", ein PASOLINI-Roman von Dominique FERNANDEZ (1982) erscheint. - In der DDR-Kultur-Wochenschrift "Sonntag" (jetzt "Freitag") wird (von Vincent VON WROBLEWSKI) mit dem Autor ein Interview auch über dessen Begriff von Homosexualität geführt.

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Lyrikband "Die schamlose Vergeudung des Dunkels" von Thomas BÖHME erscheint.

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"Ein Jahr in Arkadien. Kyllenion" von Herzog AUGUST VON SACHSEN-GOTHA (1805), der erste deutsche Roman, in dem eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern (konkret auch als sexuelle) positiv und als glücklich darstellt wird, erscheint in Westberlin als Reprint, herausgegeben und mit einem Nachwort von Paul DERKS. - In der DDR (inkl. Gotha) bleiben der "feministische" Herzog und sein Roman ignoriert.

Reclam-Verlag Leipzig 1985


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Reclam-Verlag Leipzig 1985


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Kiepenheuer-Verlag Leipzig&Weimar 1985

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Verlag Volk & Welt Berlin 1985


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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1985


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Verlag rosa Winkel Berlin (West) 1985

28.6.1985

I. Öffentliche Gemeinschaftstagung "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Leipzig auf Initiative staatlich etablierter Institutionen (Sektion Ehe und Familie der Gesellschaft für Sozialhygiene der DDR und der Sektion Andrologie der Gesellschaft für Dermatologie der DDR; Lykke ARESIN, Kurt BACH, Erwin GÜNTHER): Bestandsaufnahme der Lage von Lesben und Schwulen in der DDR sowie "Gesellschaftliche Notwendigkeit ihrer Emanzipation und Integration".
Beginn einer "Aufklärung von oben" (THINIUS). - Es ist die erste wissenschaftliche Konferenz dieser Art in einem sozialistischen Land, die sich öffentlich mit Homosexualität befasst.

Tagungsband (Manuskriptdruck) Fr.-Schiller-Univ. Jena 1986,
v.Kowalski in: "DornRosa" 6/1988 S.12-14,
Soukup 1990 S.131ff.,
Thinius 1990 S.157 + 1994 S.49
Grau 1995 S.138

15.9.1985

Ulli ZIEGER liest im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" aus seinem Till-Eulenspiegel-Drama.

Herbstprogramm AK
Archiv R. Limbecker

28.9.1985

Tagung "Homosexuelle 85 - Ein Versuch zur Versachlichung der Diskussion", veranstaltet von der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalts, der Männerarbeit der Kirchenprovinz bei der Evangelischen Stadtmission und der Arbeitskreis Homosexualität Halle. Teilnehmer u.a.: Verlagsdirektor Dr. Günter GRAU (Evangelische Verlagsanstalt Berlin), Pfarrer Dr. Karl-Heinz Blaschke, "der nicht ordinierte" Eduard STAPEL, Christian PULZ vom Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche", aus Dresden die Theologin Karin DAUENHEIMER und weitere ca. 300 Gäste. - Am 14. Dezember sollte das Treffen am selben Ort wiederholt werden.

Typoskript Stefan Berg 29.9.1985 (Archiv Brühl)

Herbst 1985

Artikel "AIDS - eine Infektionskrankheit" in der "Wochenpost". - In "medizin aktuell" und "humanitas", sowie andren Fachzeitschriften erscheinen "aufschlussreiche" (GÜNTHER, siehe Dezember 1985) Artikel zum Thema AIDS.

"Die Wochenpost" 40/1985

November 1985

Artikel "Homosexuell" von OMR Prof. Dr. Erwin GÜNTHER (Klinik für Hautkrankheiten der Fr.-Schiller-Univ. Jena), der sich behutsam gegen jegliche moralische Abwertung Homosexueller ausspricht und für Toleranz und Akzeptanz wirbt (siehe: Dezember 1985!).

"Deine Gesundheit" 11/1985 S.340 f.

Dezember 1985

Artikel "AIDS" von Erwin GÜNTHER, der den Wissensstand referiert und weitere Fragen an die Beratungsstellen der großen Hautkliniken verweist. Seine Abwiegelung ist keine medizinische und soll einem Sündenbockstatus der Homosexuellen offenbar vorbeugen.

Kurt R. BACH publiziert in der Monatszeitschrift für Schüler "Biologie in der Schule" zwischen Berichten über "Mikrobiologische Demonstrationen auf einem Nährsubstrat" und "Verhaltensbiologie" seinen Artikel "Homosexualität - Gesellschaft - Sexualerziehung". BACH weist darauf hin, dass Homosexualität auch bei Heterosexuellen vorkommt, bei Jugendlichen üblich und weder Krankheit, Störung, noch Laster oder sonst irgend etwas Besorgniserregendes ist. Er fordert Pädagogen auf, sich zu informieren und Vorurteile zu überdenken, sowie Informationsveranstaltungen mit Fachleuten in der Schule (ab 6.Klassen) abzuhalten.

"Deine Gesundheit" 12/1985 S.377 f.

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Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1985 S.486-493

Herbst 1985 bis Mai 1986




12.1.1986

Erste ausschließlich schwule Literatur (z.B. GENET, T. WILLIAMS, FASSBINDER u.a. - mit life Rock- und Experimentalmusik) präsentierende Veranstaltungsreihe im staatlichen Jugend-Klub Veteranenstraße Berlin: "Lesetheater in Music" (Olaf BRÜHL). - BRÜHL vermittelt den Kontakt zwischen Klubleiter Michael FOITZIK, Klubleiterin Carola WEIGELT und dem "privaten Freundeskreis" von Uschi SILLGE, Peter RAUSCH (einst HIB-Initiator), Colin SHERMAN, Bernd TISCHER sowie Uwe ZOBEL, die einen Ort für ihre Vorhaben suchen. Daraus entsteht als erster nicht-kirchlich-angebundener Club an einem Sonntagnachmittag bei Uschi SILLGE (auch CHARLOTTE von Mahlsdorf ist anwesend; der einstige HIB-Initiator Michael EGGERT lehnt eine Zusammenarbeit im "staatlichen" Rahmen ab, solange die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen keine kritische, emanzipatorische Diskussion ermöglichen) der "Sonntags-Club", dessen schwullesbische Veranstaltungen die Lesetheater-Sonntage in der Veteranenstraße ablösen. (Siehe: 15.2.1986). Der "Sonntags-Club" wurde allmählich zu einem Anlaufpunkt für die Schwulen (und Lesben) der DDR (es gab eine "Postbeantwortungsgruppe"), die sich nicht nötigen lassen wollten, den "staatsfeindlichen" Bannkreis evangelischer Kirchenbauten aufzusuchen.
Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit richtet auch gegen diesen Club (der die Literaturreihe verhindern soll) seine Zersetzungsarbeit. -
Erst nach der Wende, 1990, gelingt der Einzug ins Vereinsregister.
(Der "Sonntags-Club" ist seither kontinuierlich arbeitend noch heute das Schwulenzentrum des Prenzlauer Bergs Berlin.)

(Zurück zu: 1. Mai 1980)

Archiv Brühl,

Soukup 1990 S. 131 ff.,
Thinius 1994 S.24

Aussage Eggert 2003

Aussage Sillge 2001
Akten-Kopie BStU (Archiv Pulz)

Kraushaar 1997 S.212 ff. (z.T. fehlerhaft),
Grau 2002 (Manuskript),
Zeitzeugen-Talkshow am 22.Februar 2003 im Schwulen Museum Berlin

1986

Wieland SPECKS Spielfilmdebüt "Westler" schildert anhand einer schwulen Liebesbeziehung die Berliner Mauer und DDR-Alltag aus westlicher Perspektive.

* * *

"Wüstenfahrt" von Christoph GEISER (1984) erscheint.

* * *

Nach jahrelangen, z.T. auf aberwitzige Ablehnungstaktiken stoßende Bemühungen gelingt es konzertierten Aktionen v.a. um Uschi SILLGE: beim Presseamt der DDR die Wiederzulassung von gleichgeschlechtlich orientierten Briefwechsel- und Kontaktanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften zu erreichen.

Edition Salzgeber Filmproduktion & ZDF

* * *

Verlag Volk und Welt Berlin 1986

* * *

Archiv Sillge

19.1.1986

GINO (Hahnemann) zeigt seine Filme im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche".

Programm des Arbeitskreises (u.a. Archiv Brühl)

28.2.1986

Der Ministerrat der DDR verabschiedet "AIDS-Richtlinien zur Beratung und Betreuung"

Herrn 1999 S.37

April 1986

Manfred FRANZ, Schwerin, wendet sich u.a. an das Komitee für Menschenrechte, den Kulturbund und die Winckelmann-Gesellschaft, um die Idee einer Karl-Heinrich-ULRICHS-Gesellschaft einzubringen, deren Sinn u.a. darin bestünde, durch kulturelle Arbeit Unwissenheit, Diskriminierung und Stigmatisierung gegenüber Homosexualität in der Gesellschaft abzubauen und für einen Dialog zwischen Minderheiten und Mehrheiten zu wirken. Über dieses Anliegen informiert FRANZ in einem Rundbrief alle Arbeitskreise Homosexualität in der DDR. Unterstützung gewinnt er bei ihnen kaum. Seine Bemühungen werden aber von der Stasi wahrgenommen (und unterdrückt).

Kopien BStU usw. (Archiv Franz)

6.4.1986

Thomas BÖHME liest aus seinem (später in "Sinn und Form" 1989, Drittes Heft, veröffentlichten) Essay "Monatsstimmen" über den in der DDR (wie Hubert FICHTE) kaum verlegten und nie aufgeführten Autor Hanns Henny JAHNN im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche".

Programm des Arbeitskreises (u.a. Archiv Brühl)

28./29.Juni 1986

Dank Einsatz von Manfred STOLPE und Bischof Gottfried FORCK findet die 5. Berliner Friedenswerkstatt "Frieden und Gerechtigkeit?" in der Erlöserkirche (Pfarrer Peter BICKARDT) statt:
Der Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" ist, wie in den Jahren zuvor, auch mit Informationsständen präsent (ebenfalls der Magdeburger Arbeitskreis) und mit einer z.T. szenischen Text-Collage "Was treibt Fäuste? - Elend der Männlichkeit" über Frauenbilder, Anti-Homosexualität & Gewalt (von O.BRÜHL), zu der ca. 3000 Besucher kommen. Generalsuperintendent KRUSCHE empfindet die Performance als Entweihung des Altarraums.
GINO Hahnemann zeigt seinen zu diesem Anlass gedrehten Film: "Wir alle sind nur in dem Maße Menschen geworden, in welchem wir Menschen liebten oder Gelegenheit hatten, sie zu lieben." - Diese verschiedenen Angebote werden von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit als Beleg der "politischen Konzeptionslosigkeit" des AK gewertet.

Axel Spieweg in "Berlin von hinten" Gmünder 1988/89 S.242/253ff,
Archiv GINO,
Akten-Kopie BStU (Archiv Brühl),
lt. Aussage Chr. Pulz 2000:
GSI Krusche (publiziert: wann + wo ?)

3.9.1986

Der amerikanische Student John BORNEMANN regt Jürgen LEMKE an, ein Buch mit autobiographischen Interviews über Schwule in der DDR zu machen.

Bornemann in: Lemke 1990 S.3,
Lemke Aussage 2000 + Archiv

12.10.1986

Trotz Verbot durch d as Ministerium für Staatssicherheit : Kranzniederlegung im KZ Sachsenhausen; anschließend werden die Schleifen mit der Aufschrift : "'Homosexuelle Selbsthilfe' - den Opfern des Faschismus - in ehrendem Gedenken" von Mitarbeitern der Gedenkstättenleitung abgeschnitten.

Erinnerung Pulz und Akten-Kopie BStU (Archiv Pulz)

30.10.-2.11.1986

Gründungsversammlung des Bundesverbandes Homosexualität (BVH) in Köln: Soziologe Rüdiger LAUTMANN (Bremen) fordert Zusammenarbeit von "Integrationisten" und "Radikalen". (Siehe April 1985). - Seine Rede "Bewegung und Strategie" wird in Auszügen vom Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" als Kopie verteilt: - "trotz grundlegend anderer gesellschaftlicher Verhältnisse wichtig und nachdenkenswert".

Salmen/Eckert 1989 S.71,
Archiv Brühl

1987

Die "Wochenpost" beruhigt: wegen der Infektions-"Ziel"gruppen, besonders den "Homosexuellen", könne AIDS keine "Volks"-oder "Massen"-Seuche werden .

* * *

Artikel über Homosexualität von Mitarbeitern des Berliner Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" erscheinen in der "Bibelhilfe für die kirchliche Jugendarbeit 1987 - Ausgabe A - für Ältere". Darin stellt u.a. Christian PULZ, der die Vorurteile und traditionellen Rollenklischees über Geschlechter kritisiert, stellt nicht die Frage nach den "Ursachen" der Homosexualität, sondern nach denen der Anti-Homosexualität und beschreibt deren Strukturen als Ergebnis gesellschaftlicher (auch kirchlicher) Prozesse historisch.
Im Abschnitt über die Arbeit mit Jugendlichen wird die Bewußtmachung der Vielfalt von Gefühlen und Begierden gefordert. - "Einführungsworte zum Elternabend im 'Arbeitskreis Schwule in der Kirche'" von Waltraud AHRNDT beschließen die Texte.

* * *

Ein zweiter Band mit Lebensberichten von Männern, "Männerbekanntschaften", von Christine LAMBRECHT erscheint, darin kommt auch ein Schwuler zu Wort.

"Die Wochenpost" 6/1987

* * *


Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1987 S.126-161 Autoren: Chr.Pulz, K.Friedel, A.Ebel, A.Adam, W.Löbe, M.Merten

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Mitteldeutscher Verlag Halle/Leipzig 1987

10.3.1987 :
21.20h

Im DDR-TV "Urania Extra" : Sendung über AIDS und AIDS-Phobien.

E. Neubert 1987 S.9

22.3.1987

Ulrich BERKES liest im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" aus seinem illusionslosen Tagebuch "Eine schlimme Liebe". Darin stellt er seinem DDR-Alltagsleben in der schwulen Beziehung mit dem Lebensgefährten Dichtung und Leben LAUTRÈAMONTs gegenüber.

Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1986

24.3.1987

Erneute Anhörung von Sexualwissenschaftlern vor dem 3. Strafsenat des Obersten DDR-Gerichts zum Thema Homosexualität. Anlass war der Prozess gegen einen Lehrer, der mit einem homosexuellen Jugendlichen auf dessen Initiative hin eine sexuelle Liebesbeziehung unterhalten hatte. Das Gericht empfiehlt eine Angleichung der "Schutzaltersgrenze" für homo- und heterosexuelle Jugendliche (bis 16 Jahren).
(Siehe: 11.Aug.1987).

Thinius 1990 S.157/158

April 1987

In der "Gesundheit" erscheint ein Interview (Sigrid MIELKE) mit Prof. Reiner WERNER zur bevorstehenden Veröffentlichung seines Buches über Homosexualität. - Die abgebildeten Fotos von Schwulen und Lesben stammen von dem schwulen Fotografen Ronald PARIS.

"Deine Gesundheit" 4/1987 S.122 ff.

Mai 1987

"Fallbeispiel AIDS": eine komplexe sozialkritische Untersuchung von Erhart NEUBERT erscheint als "innerkirchliche" Broschüre. - Die Studie bietet eine gute Zusammenschau über AIDS in der DDR, den Stand der medizinischen Erkenntnisse und den AIDS-Komplex als sozialen Prozess: Rassismus, Vorurteile, hassprojektionen, Kirche, Mythen, Antihomosexualität, ökonomische Interessen, "Schwulenkrankheits"-Konzept usw.

Günter GRAU veröffentlicht einen umfassenden Essay "Homosexualität im Gespräch von Kirchen und Gemeinden. Zwischenbilanz - Probleme - Konsequenzen."

Der Sexualwissenschaftler Günter AMENDT (BRD) spricht auf dem SDAJ-Kongress in Frankfurt am Main den 1.FDJ-Sekretär AURICH an und versucht ihm klar zu machen, dass Antihomosexualität auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus rückschrittlich ist.

Theologische Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen i.d. DDR, Berlin Mai 1987

"Die Zeichen der Zeit" 5/1987 S. 126-136

Thinius 1990 S.159

Sommer 1987

Das Buch "Homosexualität. Herausforderung an Wissen und Toleranz" von Rainer WERNER erscheint. In den Schwulenbewegungen Ost und West erntet es viel Kritik. U.a. würdigt Prof. WERNER Prof. DÖRNERs Forschungen als Grundlagen seines Auftretens "gegen die Diskriminierung der Homosexuellen" (S. 23).
Günter AMENDT, BRD, stellt zu der Publikation fest:
"Ein Ärgernis, das den Blick auf die Homosexualität nicht öffnet, sondern verstellt."

Dr. Bert THINIUS veröffentlicht in der Frauenzeitschrift "Für Dich" den Artikel "Mein Bruder ist anders" und in der Kulturwochenzeitung "Sonntag": "Natürlich anders".

VEB Verlag Volk und Gesundheit Berlin 1988,
Amendt 1987 S.1 ff,
Soukup 1990 S.8,
Herrn 1999 S.29

"Für Dich" Nr. 31,
"Sonntag" Nr.49/1987

11.August 1987

Die Oberste Strafkammer der DDR kassiert auf Antrag des Präsidenten des Obersten Gerichtes der DDR per Urteil (3 OSK 13/87) das Urteil eines Kreisgerichtes, das den Vorwurf homosexueller Handlungen eines 31jährigen an einem noch nicht 18-jährigen mit vier Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt für ein Jahr Bewährung, geahndet hatte.
"1. Ausgangpunkt für die Bewertung sexueller Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts dass sein, dass Homosexualität ebenso wie Heterosexualität eine Variante des Sexualverhaltens darstellt. Homosexuelle Menschen stehen somit nicht außerhalb der sozialistischen Gesellschaft und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet. Ihre Diskriminierung und moralische Abwertung ist demzufolge abzulehnen und sie sind vor Angriffen auf ihre Integrität (z.B. durch Beleidigungen, Körperverletzung, Rowdytum) bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen auch mit strafrechtlichen Mitteln zu schützen.".

So der Anfang der Argumentation des Obersten Gerichtes, die schon ein Anti-Diskriminierungsgebot enthält.
Dieter F. ULLMANN kommentiert in "Rosa Flieder" (BRD): "Die Vorstellung, der Bundesgerichtshof als Revisionsinstanz in diesem unserem Lande würde sich eine derartige Argumentation zu eigen machen, ist fast utopisch. Ganz im Gegenteil werden nach wie vor Verfahren wegen Verstoßes gegen § 175 durchgezogen bis hin zur letzten Konsequenz."
(Siehe: 14.12.1988).

"Rosa Flieder" 4/1988 S.7

16.9.1987

Beschlüsse des Ministerrates der DDR zu Maßnahmen gegen AIDS werden unter Verschluß gehalten.

Soukup 1990 S.149,
Herrn 1999 S. 37

26.September 1987

Auf der Tagung der Evang. Akademie im Magdeburger Dom "Integration! - Aber wie? Homosexuelle 1987 - Fortgesetzte Versuche zur Verständigung" versucht Eduard STAPEL vergeblich, einen in der Gruppe erarbeiteten Forderungskatalog zu verabschieden, der an die DDR-Regierung gerichtet werden sollte.

Das Tagungspapier enthält u.a. Texte von den Teilnehmern Rüdiger LAUTMANN (BRD), Günter GRAU, Moritz JÄHNIG und Karin DAUENHEIMER.

Tagungspapier: Als Manuskript vervielfältigt "Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch!" Magdeburg 1988 53 Seiten,
Stapel 1999 S.56

Oktober 1987 ?

Von zentraler staatlicher Stelle aus wird den in allen Wohngebieten existierenden Jugendklubs der DDR die Weisung erteilt, einmal im Monat Veranstaltungen zum Thema Homosexualität durchzuführen .

Thinius 1994 S.31
Michael Foitzik Aussagen 1988 und 1996

Ende Oktober bis Anfgang November 1987

Das Französische Kulturzentrum Berlin Unter den Linden zeigt eine Patrice-CHÉREAU-Werkschau, darin seinen radikalen Schwulenfilm "L' Homme blessé" von 1983 (Drehbuch nach Motiven von Jean GENETs "Tagebuch eines Diebes": Hervé GUIBERT und Patrice CHÈREAU). - Die Schwulenbewegung fehlt, die Presse schweigt.

30.10.-1.11.1987

Tagung der Koordinierungsgruppe aller kirchlichen Arbeitskreise Homosexualität der DDR in Brandenburg.

Es wird ein "Zentraler Arbeitskreis AIDS" gegründet (Initiator: Dr. Rainer HERRN), der u.a. ein Weiterbildungsprogramm in Sachen AIDS organisiert. Öffentliche materielle Unterstützung bleibt aus und damit eine breitere Wirkungsmöglichkeit.

Stapel 1999 S.62 u.a.

Herrn 1999 S.32

1988

Lyrikband "Stoff der Piloten" von Thomas BÖHME erscheint.


"Kontrollverlust", Roman von Norbert BLEISCH, erscheint.



"Musik und Welt" (1985): Fünf Essays von Martin GREGOR-DELLIN erscheinen, er thematisiert Homosexualität in Bezug auf Georg Friedrich HÄNDEL. Auf den wissenschaftlichen Tagungen der Händel-Festspiele in Halle/S. (ebenso wie bei denen in Karlsruhe und Göttingen) bleibt dieser Aspekt unbeachtet.

Für die Winckelmann-Gesellschaft der DDR ist allerdings WINCKELMANNs Päderastie auch kein Thema.
In ähnlicher Weise ist für die Publizisten, Theaterwissenschaftler und Antifaschisten der DDR offenbar die Homosexualität des spanischen Dichters Federico GARCÌA LORCA, der von Franco-Soldaten ausdrücklich »weil er ein Schwuler war«, erschossen wurde und dessen dramatisches und poetisches Werk von Chiffren und Bildern der Homosexualität ganz und gar durchdrungen ist, tabu.

Aufbau-Verlag Berlin & Weimar 1988

Hinstorff-Verlag Rostock 1988



Henschelverlag Berlin 1988

Februar 1988

Schwule Texte von GOYKE und SOLLORZ erscheinen in der Literaturzeitschrift "Temperamente"

temperamente heft 2/88

27.3.1988

Ronald M. SCHERNIKAU, der als BRD-Bürger am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher" studiert, liest im "Sonntagsclub" aus seiner "Kleinstadtnovelle" (1980) - die in der DDR nicht verlegt wurde (sondern im Rotbuch Verlag, Berlin 1980)

Thinius, 1990, S.156

23. April 1988

II. Workshop zu "psychosozialen Aspekten der Homosexualität" der Sektion Andrologie der Gesellschaft für Dermatologie der DDR und der Sektion Ehe und Familie der Gesellschaft für Sozialhygiene der DDR in Karl-Marx-Stadt: Referate über Homosexualität und Homosexuelle, jedoch kaum von ihnen selbst .
Mancher Vortrag wird nur verstümmelt im Tagungsband wiedergegeben.

Stapel, Vortragsmanuskript 1988
Tagungsbd: Wis. Beiträge der Fr-Schiller-Univ. Jena 1989
Amendt `89 S.4
Thinius `90 S.157
Soukup `92 S.49, 57

8. Mai 1988

Nach jahrelangen Verweigerungen und Repressalien staatlicherseits Erlaubnis, mit Gedenkversammlungen und beschrifteten Kränzen im ehemaligen KZ Sachsenhausen die homosexuellen Opfer der NS-Zeit zu ehren - der Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe bzw. der Berliner "Gesprächskreis Homosexualität" (bei der Advent-Gemeinde) übernehmen diese alljährliche Aufgabe (der "Gesprächskreis Homosexualität" bis heute).

Chr. Pulz, P.Birmele, J.Müller, M. Eggert (Archive, Aussagen)

15. 5. 1988


5. 6. 1988

Referat von Uschi SILLGE zum 120. Geburtstag von Magnus HIRSCHFELD.

Lesung Dr. Irene RUNGE "Himmelhölle Manhattan" im "Sonntagsclub"

Thinius 1990 S.156

Juni 1988

Die Hamburger Zeitung der Demokratischen Lesben- und schwulen-Initiative hat als Monatsthema Homosexualität in der DDR.
Darin Dr. Kurt BACHs 11 "Thesen" (vom 10.10.87) "Homosexualität und Sexualerziehung in der DDR", die er auch auf der "International Scientific Conference on Gay and Lesbian Studies: Homosexuality, which Homosexuality?" der Free University Amsterdam (15.-18.12.1987) gehalten hatte (dort im Konferenzmaterial publiziert). Er bedauert die aus überkommenen Haltungen resultierende Tabuisierung von Homosexualität in der DDR, sieht aber im Sozialismus die Zukunft für ihre menschenwürdige Integration, womit man erst am Anfang stünde.
Gudrun von KOWALSKI schreibt über die Leipziger Tagung "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" vom Juni 1985 (siehe dort) und Detlef GRUMBACH über AIDS und Michael HUNGER über die Gruppen in kirchlichen Räumen. - Für das August `88-Heft wird eine Selbstdarstellung des "Sonntags-Clubs" angekündigt.

DornRosa Nr.13, 6/88

ca. Mitte 1988 ?

Initiiert von Hanno HARNISCH: Beginn einer Reihe von Jugendsendungen zum Thema Homosexualität im staatlichen Jugendradio "DT64". Sie signalisieren das Ende der starken Tabuisierung von Homosexualität in der DDR. Der Sender leistet damit eine Art medialer Vorreiter-Funktion.

Den Dokumentarfilm "Die andere Liebe" schauen sich vornehmlich heterosexuelle Zuschauer an, damit sie sich "überhaupt erstmal eine Meinung über Homosexualität" bilden können.

Thinius 1994 S.60
Grau 1990

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Thinius 1994 S.58

3. 8. 1988

Im Café "Binokel" (der Schwulengruppe der Berliner Evangelischen StudentenGemeinde, Leitung: Karsten FRIEDEL) findet ein Treffen (Leitung Christian PULZ) mit Teilnehmern des in Westberlin stattfindenden Jugendkongresses des "intern. Verb. der Lesben und Schwulen" (Zitat: Akten; IGA - International Gay Association?) mit Mitgliedern der Arbeitskreise "Homosexualität" Berlin, Dresden und Jena statt.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr.Pulz)

14. 12. 1988

Beschluss:
Die Volkskammer der DDR verabschiedet die 5. Änderung des Strafrechtsgesetzes.

Die letzten Reste einer gesonderten Rechtsbehandlung und Kriminalisierung von Homosexualität sind mit § 151 aus dem Strafgesetzbuch der DDR gestrichen.

Inkraft tritt das Gesetz am 1. Juli 1989.

Zugleich lehnen die staatlichen Instanzen weiterhin jegliche Art der Selbstorganisation von Lesben und Schwulen ab.

Gesetz zur Änderung und Ergänzung des StGB, § 1. In: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik Teil I Nr.29
vom 28. Dezember 1988 S.335

J.Müller Berlin/Bonn 2000 S. 20+30,
Bach/Thinius 1989,
Thinius 1994 S.63

1989

Der 'schwule' Film "Eh´ die Fledermaus ihren Flug beendet" von Peter TIMAR (Ungarn 1988) wird im Haus der Ungarischen Kultur in Berlin gezeigt.

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"Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau" von Simone DE BEAUVOIR (1949) erscheint in zwei Bänden.

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"Geist als Leidenschaft", Essays von Susan SONTAG (ua. "Anmerkungen zu »Camp«" und "Die pornographische Phantasie") erscheinen (Hrsg. Eva MANSKE).

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"Das Tagebuch eines Diebes" von Jean GENET (1949) erscheint.

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"Plötzlich mein Leben" von Norbert MAROHN erscheint.


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Heike SKRABS beschreibt in ihrem Erzählungsband "Pausenspiel" u.a. das Coming-out eines jungen Schwulen.

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In Uwe SAEGERs "Das Überschreiten einer Grenze bei Nacht" kommt das 'Gerede' (unausgesprochene Pädophilie) über Sohn Dirk zur Sprache: zunächst aus seiner Perspektive (S. 135-141), dann aus Sicht der Schwester (S. 179f.)

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Ronald M. SCHERNIKAUS Buch "Die Tage in L." erscheint nicht in der DDR, sondern in Hamburg (Konkret Literatur Verlag): eine radikale literarische Beschreibung der Verhältnisse im kapitalistischen und realsozialistischen Deutschland, die der schwule westdeutsche Autor während seiner Aufenthalte in Leipzig und Westberlin verfasste.

Archiv Stargard


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Aufbau-Verlag, Berlin&Weimar 1989

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Kiepenheuer, Leipzig&Weimar 1989

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Volk & Welt Berlin 1989

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Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, 1989

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Verlag Neues Leben, Berlin 1989

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Mitteldeutscher Verlag Halle/Leipzig 1989


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Konkret-Verlag Hamburg 1989

Januar bis August 1989

Im "magazin" erscheint in den Heften Januar, Februar und Mai eine Artikelserie von Ursula HAFRANKE (wiss. Berater: Dr. H.THINIUS und D.BSONEK) mit dem Titel: "Ungestraft anders". Bis Jahresende werden immer wieder Leserbriefe veröffentlicht. - Ein weiterer Artikel erscheint im Februar 1990

Zum ersten Mal Publikation selbsterzählter (gefilteter) schwuler Lebenserfahrungen:
Jürgen LEMKES Buch "Ganz normal anders" mit autobiographischen Berichten von 19 Schwulen (u.a. Peter BIRMELE & Volker GASSER, den Leitern des Berliner Gesprächskreises Homosexualität, CHARLOTTE von Mahlsdorf usw.) Das Vorwort ist von Irene RUNGE.

Das Aufklärungsbuch "Und diese Liebe auch". Theologische und sexualwissenschaftliche Einsichten zur Homosexualität von Günter GRAU erscheint u.a. mit Aufsätzen von Manfred PUNGE, Manfred JOSUTTIS und HUK-ler Hans-Georg WIEDEMANN (Düsseldorf). Eine umfassende Übersicht zum Thema, die den kirchlichen Rahmen sprengt und den Stand des Diskurses referiert. - Auch dieses Buch (GRAU hatte es 1986 begonnen) erscheint beträchtlich verzögert: nicht zuletzt durch ein negatives Gutachten Prof. Dr. Günther WERNERs, das dieser für das Ministerium für Staatssicherheit erstellt hatte.

In der BRD erscheint der Sammelband "Natürlich anders. Zur Homosexualitäts-Diskussion in der DDR" mit einer Auswahl von Vortragstexten, die auf den beiden Tagungen "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Leipzig 1985 und Jena 1988 (s.o.) gehalten worden waren. Herausgeber und Autor des Vorworts ist Günther AMENDT.

Das Magazin, 1, 2, 5/1989 + 2/1990

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1989,
Lemke 1990 S.3

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Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1989

Soukup 1990 S.166
Thinius 1994
Aussage Grau 11/2002

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Pahl-Rugenstein Verlag Köln

5.2.1989

Gründung der Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Courage", die sich vom Berliner "Sonntags-Club" abgespaltet hatte. Ihr geht es um Integration der Schwulen in die DDR-Gesellschaft. So wird sie sich auf dem FDJ-Pfingsttreffen `89 präsentieren und später in Wien auf der ILGA-Konferenz um Mitgliedschaft bemühen.
(Siehe: 7.Juni`89)

Siegessäule, Berlin-West 9/1989
Soukup 1990 S.135f.,
Grau 1990 S. 59 ff.,
Thinius 1994 S.85

21.-23. April 1989

Auf Initiative der ILGA (International Lesbian and Gay Assoziation) findet der 3. Osteuropäische Schwulen- und Lesbenkongreß in Budapest statt, an der u.a. aus der DDR auch Vetreter des "Sonntags-Club" (Uschi SILLGE, Peter RAUSCH) teilnehmen, die für diesen die ILGA-Mitgliedschaft anstreben. Internationale Kooperation, Vernetzung und AIDS sind die Hauptthemen.

Brühl in: DornRosa Nr.20/21, S.50 Hamburg Okt.1989.,
Herrn Hamburg 1999 S. 65

27. Mai 1989

Auf einem zentralen Infotreffen der nicht-kirchlich-angebundenen Homosexuellen-Gruppen in Leipzig stellt Dr. Rainer WARCZOK (Berlin) das Projekt einer Befragung vor, das vom Zentralinstitut für Jugendforschung getragen wird und die Spezifik der Probleme von Lesben und Schwulen verdeutlichen soll. - Umstritten ist das Auftreten der Gruppe "Courage" auf dem FDJ-Pfingsttreffen `89 (siehe Folgendes).

Protokoll M.Schütte (Kopie), Archiv Brühl

7. Juni 1989

In der Tageszeitung der FDJ, "Junge Welt", bedankt sich die Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Courage" (siehe Voriges): "sehr herzlich beim Zentralrat der Freien Deutschen Jugend für die Ermöglichung unserer Beteiligung am Pfingsttreffen der FDJ 1989. (...) Wir sind durch das Pfingsttreffen bestärkt in unserer Überzeugung, dass der Sozialismus über die objektiven Grundlagen für wahrhaftige Integration verfügt und diese Integration im Miteinander erreichbar ist."
Die Urheberschaft dieser »kompromittierenden« ›Danksagung‹ ist nach Eike Stedefeldt »ungeklärt«. (Siehe: 5.Februar 1989)

Grau: Lesben und Schwule S. 50 f./60 f./ 168 f.

Kraushaar 1997 S.207 f.

11. Juni 1989

Auf dem IX. MitarbeiterInnentreffen der Arbeitskreise Homosexualität wird die sog. "Karl-Marx-Städter Plattform" mit dem Titel "Für Anerkennung und Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen" verabschiedet. Sie fordert u.a. volle rechtliche Gleichstellung, Zugang zu öffentlichen Räumen, Gedenktafeln für homosexuelle NS-Opfer, homofreundliche Kulturpolitik, tolerantere Kirchenpolitik in Sachen Homosexualität, multidisziplinäre Forschungen zu Homosexualität, offene Sexualerziehung, effektivere AIDS-Politik.

Soukup 1990 S.137 ff.

24. Juni 1989

Der Freundeskreis Rosa Archiv zeigt im Leipziger „Casino“ den Film „Anders als die Andern“ (Deutschland 1919). Dieter BERNER (Berlin) hält einen Einführungsvortrag.

Infoblatt des FKRA (Rosa Archiv, Jürgen Zehnle)

1. Juli 1989

Der § 149 des Strafgesetzbuches der DDR tritt in Kraft. Damit sind alle ausschließlich Homosexualität betreffenden strafrechtlichen Bestimmungen aufgehoben
(Siehe: Mai 1990).

Gesetz z. Ändg. u. Erg. d. StGB, § 1. In: Gesetzbl. d. DDR Teil I Nr.29 v. 28.12.1988, S.335

20. Juli 1989

In einem ausführlichen Brief verteidigt Michael SCHÜTTE (Leipzig) Dr. Günter GRAUs leidenschaftlichen Protest gegen die Auszeichnung Prof. DÖRNERs mit dem DDR-Nationalpreis (s. u.). Dafür war GRAU von Dr. SCHARF in einem apodiktischen Rundschreiben angegriffen worden. SCHÜTTE kritisiert die Fragwürdigkeit und Uneindeutigkeit von dessen Theorien und verteilt seinen Brief per Kopie.

Vervielfältigte Kopie (Archiv Brühl)

Sommer 1989

Aufruf von Klaus LAABS zur Wahl offen schwuler und lesbischer Volksvertretungen.

Der westdeutsche Schriftsteller Ronald M. SCHERNIKAU nimmt nach seinem dreijährigen Studium am Leipziger Literaturinstitut die Staatsbürgerschaft der DDR an und siedelt im September `89 aus der BRD in die DDR über (im Gepäck das Manuskript zu seinem Buch "Legende").

Thinius 1994 S.47,

Th. Keck, in: Schernikau, "Die Tage in L." Konkret Literatur-Verlag Hamburg 2001 S.212

9./10. 9. 1989

Gründung des "Neuen Forums" als zukünftiges Sprachrohr einer Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Das nächste Treffen ist für Anfang Dezember geplant. Die beginnende Massenbewegung in der DDR überrollt die beteiligten schwulen Aktivisten.

11.September 1989

Mit der Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze wird die Abwanderung von DDR-BürgerInnen in den Westen zu einem Massenphänomen.

Oktober 1989

In der DDR sind 18 AIDS-Fälle registriert (in der BRD 4.093).

* * *

An den wöchentlichen Montagsdemonstrationen, die im Anschluß an Gottesdienste (!) vor der Leipziger Nikolaikirche stattfinden, nehmen inzwischen mehr als 15.000 Menschen teil. Aus der ursprünglichen Parole "Wir wollen raus" wird der Ruf "Wir bleiben hier!"; am 7.Okt., dem DDR-Staatsfeiertag, skandieren die Demonstrierenden in Berlin "Wir sind das Volk!"...

Herrn 1990 S.20 (unten)

4. November 1989

Historische Massendemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz: für einen demokratischen Sozialismus in der DDR. - Die organisierten Schwulen und Lesben schließen sich den Kritikpunkten und allgemeinen politischen Forderungen nach freien Wahlen an, ohne außerdem eigene zu formulieren.

Thinius 1994 S.65

9. November 1989

Der Film "Coming out" von Heiner CAROW (u.a. mit CHARLOTTE von Mahlsdorf) startet in allen größeren Städten der DDR. - Während im Berliner Kino "International" die "2." Premiere läuft, läuft durch die Berliner Mauer bereits ein historisches "Coming out" ganz anderer Art...

Soukup 1990 S.8,
Thinius 1994 S.59

14. 11. 1989

Die "Aktuelle Kamera" des DFF (Deutscher Fernsehfunk) der DDR berichtet über die Befürchtung der DDR-Regierung, dass mit der Öffnung der Mauer AIDS in der DDR epidemische Ausmaße annehmen könnte.

Soukup 1990 S.14/147/151
Herrn 1999

17. 11. 1989

In der Tageszeitung "Neues Deutschland" (Zentralorgan der SED) rät Dr. SÖNNICHSEN "dringend von jeder Art von Analverkehr ab. Kondome geben bei diesen Techniken keine Sicherheit."

ND, 17.11.1989, Sönnichsen-Interview

17. - 19. November 1989

Die Tagung "Schwule in der DDR" im Waldschlößchen bei Göttingen wird unfreiwillig zum ersten gesamtdeutschen Kongress einiger schwuler Aktivisten und v.a. zum ersten Selbstverständigungsforum der DDR-Schwulenbewegung. Gemeinsamkeiten und Unterschiede kommen zur Sprache.

Soukup (Tagungsband) 1990 S.9,
Lemke ebd. S.10 ff,
Thinius, 1994, S.65,
Brühl in: Grau 2001 S.174 ff.

2. 12. 1989

Erklärung der Koordinierungsgruppe der Arbeitskreise Homosexualität (bei Kirchen) und Klubs Homosexualität (in staatlichen Klubhäusern) in der DDR (erarbeitet von BERNINGER, DAHLMANN, STAPEL, WILKE).

Archiv Pulz

21. Dezember 1989

Memorandum "Aktuelle Erfordernisse im Umgang mit AIDS" von Günter GRAU und Rainer HERRN: Kritik an Verleugnungshaltung der DDR-Gesundheitspolitik gegenüber der AIDS-Problematik, Forderung nach gezielter Präventionsarbeit im Bereich der Hauptbetroffenengruppe der Homosexuellen.

Soukup 1990 S.147ff.

1990

Anfang des Jahres erscheint: Heinz-Joachim Petzold "Homosexuellenreport". In der ›Wende‹-Zeit geht das Buch unter, das authentische Erlebnisberichte bringt. Es referiert nicht nur eine entspannte Haltung in der DDR zu Homosexualitäten, sondern auch die Arbeit verschiedener Arbeitskreise unter kirchlichem Dach und fragt, warum u. a. Atheisten in der DDR diese brauchen.

Auf ein Drehbuch von Michael SOLLORZ (ehemals bei "Schwule in der Kirche") entsteht um eine schwule Liebesgeschichte der DEFA-Spielfilm "Banale Tage", der das Leben in der "Szene" des Berliner Prenzlauer Bergs -ebenso absurd wie realistisch- schildert (u.a. mit Holger SIEMANN, siehe Folgendes).

Berliner Verlagsanstalt Union
(Redaktionsschluß: 1.Dez.`89)

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(Archiv Sollorz)

Januar 1990

Gründung des Jugendnetzwerkes LAMBDA im Berliner Klub der Volkssolidarität, Wilhelm-Pieck-Strasse 203 (heute: Torstrasse). Anlass war das Fehlen einer lesbisch-schwulen Interessenvertretung am "Grünen Tisch der Jugend" - besonders wichtig hinsichtlich der drohenden Wiedereinführung des bundesdeutschen Straf-§ 175 im Gebiet der DDR

GIGI Nr. 40 Zeitschrift für sexuelle Emanzipation Berlin November/Dezember 2005 S. 14

14. Januar 1990

Uraufführung der "Männerbiografien in der DDR - Ich bin schwul" (nach dem Buch "Ganz normal anders") von Jürgen LEMKE im "Theater im Palast", Berlin. Regie: Vera OELSCHLEGEL, Ausstattung: GINO Hahnemann (u.a. mit Holger SIEMANN).
Das Stück wird häufig nachgespielt.

Brühl in: "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität III" Jena 1990 S.89ff.,
Sweet 1998 S.104f.

3. 2. 1990

Der III. Workshop "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Jena wird von den anwesenden Vertretern der Lesben- und Schwulengruppen zwecks Erarbeitung eines eigenen Forderungs- und Positionspapiers umfunktioniert (u.a.: "Nichtwiederzulassung die Homosexualität und die Homosexuellen diskriminierender Strafgesetze bei beabsichtigter Rechtsangleichung an BRD-Normen."). - Ende der "Fürstenaufklärung" (THINIUS).

Tagungsband (Manuskriptdruck) Jena 1990,
Grumbach in: Grau 1990 S.115f.,
Schmutzer 1990,
Thinius 1994 S.41

13. 2. 1990

im neuen Parteiprogramm der SED-Nachfolgepartei Partei des demokratischen Sozialismus (PDS) wird die Anerkennung "gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften" "festgeschrieben".
Siehe auch: 11.7.1990 ff.

Kraushaar 1997 S.209

15.2.`90

Briefaktion des Schwulen Museums Berlin an Kanzler, die Parlamente, Fraktionen, Ministerien, Ministerpräsidenten beider deutscher Staaten zur Abschaffung die Homosexualität diskriminierender Gesetze bei bevorstehender Rechtsangleichung.

Archiv J. Müller: Datenliste §175, 1995

18. 2. 1990

Gründung des "Schwulenverbandes in der DDR" (SVD) mit dem Programm "Emanzipation, Partizipation, Integration" in Leipzig. Der SVD setzt auf demokratischen Zentralismus und Vertretung der Einzelmitglieder durch professionelle Funktionäre. (Mit diesem Ansatz scheint eine Zusammenarbeit mit dem basisgruppen-orientierten westdeutschen Bundesverband Homosexualität -BVH- kaum möglich).

"Der Morgen"
vom 20.2.1990
Grau 1990
Thinius 1994 S.67,
LSVD 1999 S.1

März 1990

Gründung der DDR-Lesben-und-Schwulenzeitung "Die Andere Welt".

13. 3. 1990

Der "Runde Tisch Berlin" bittet den Magistrat von Berlin, der Initiativgruppe "Lesben- und Schwulen-Haus" ein geeignetes Objekt zuzuweisen. Das Projekt kommt mangels interessierter Lesben und Schwuler nicht zustande.

Thinius 1994 S. 68

12.-19. 3. 1990

Die bei der FDJ organisierte Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Gerede" (Kai WERNER) veranstaltet eine PASOLINI-Woche, in der erstmalig komplett dessen Filme mit Einführungen zu Leben und Arbeit des `75 ermordeten schwulen Gesellschaftskritikers, Regisseurs und Dichters gezeigt werden. Die Dresdner "Scheune" ist überfüllt, Schwule in der Minderheit. - Am letzten Abend finden gleichzeitig zu Pasolinis politischer Allegorie "Salò oder die 120 Tage von Sodom" auf dem dredner Altmarkt CDU-Wahlkampf-Auftritte von HEINO und dem damaligem Bundeskanzler Helmut KOHL statt. Der Film wird in der anschließenden Publikums-Diskussion als politischer Kommentar dazu verstanden, wie man Leute soweit bringt, Scheiße zu fressen, ohne zu rebellieren.

Archiv Kai Werner, Dresden
Archiv Brühl

30. 3. 1990

Die Koordinierungsgruppe der (kirchlichen und nichtkirchlichen) "Arbeitskreise und Klubs Homosexualität in der DDR" trifft sich erstmalig im "Haus der Demokratie" in Berlin, Friedrichstraße.

Archiv J.Müller: Datenliste §175, 1995

April 1990 ?

Gründung der "Deutschen AIDS-Hilfe in der DDR"

Am 20. April werden in Berlin bei Ausschreitungen rechtsradikaler Skinheads ca. 50 Menschen z.T. erheblich verletzt: ein Ziel der rund 300 Angreifer ist das Schwulenlokal "Moccabar" am Alexanderplatz. Pflastersteine und -Platten werden in die Fenster geworfen, die jugendlichen Männer grölen: "Schwule raus!" und "Wißt ihr, dass heute Hitlers Geburtstag ist?".

Jahresbericht 1997 der AH-Weimar Ostthüringen S.5
Herrn 1999 S.32

12. 4. 1990

Der Berliner Senat richtet ein Referat für gleichgeschlechtliche Beziehungen ein, die erste behördliche Stelle dieser Art in der BRD. - (Eine Zuständigkeit für die Belange von Lesben und Schwulen war bereits am 15.März 1989 in den Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und Grünen vereinbart worden.)
"Ziel der neuen Einrichtung sei, die Diskriminierung von Homosexuellen auszuschalten und bei Heterosexuellen für sie Verständnis zu entwickeln. Der Skandal um den homosexuellen Abgeordneten Albert Eckert, der als Vizepräsident des Abgeordnetenhauses zurücktreten musste, sei ein geeigneter Anlass, das Referat, das bereits im November 1989 seine Arbeit aufgenommen habe, vorzustellen."

"Die Morgenpost" 12.4.1990
"10 Jahre FB ..." S.4, Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport Berlin 1999

Mai 1990

Der Ministerrat der DDR spricht sich gegen eine Übernahme der gesetzlichen Regelungen zur Homosexualität im Geltungsbereich des BRD-Grundgesetzes auf dem Gebiet der DDR aus.
(Siehe: 11.7.1990).

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

1. Mai `90

Gemeinsamer Infostand der lesbischen und schwulen Gewerkschaftsgruppen aus Berlin(West) und dem Berliner "Sonntagsclub" auf dem 1.-Mai-Fest vor dem ehem. Reichstag.

Thinius, 1990, S.151

3. 5. 1990

Zweite Briefaktion des Schwulen Museums Berlin, diesmal auch an die neugegründeten Parteien in der DDR-Volkskammer (siehe: 15.2.`90).

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

17. 5. 1990

Ausstellung: "Die Geschichte des § 175" vom Schwulen Museum Berlin wird im Rathaus Schöneberg eröffnet.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

Juni`90

Zum CSD (Christopher Street Day) starten BVH und SVD eine gemeinsame Protestaktion: "Keinen § 175 im gesamtdeutschen Strafrecht" (an Parlamente, Ministerien usw.; siehe Juli`90).

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

23. 6. 1990

Der SVD beschließt, künftig bundesweit tätig zu sein, Umbenennung in "Schwulenverband in Deutschland". Versuch einer schwulenpolitische Vereinigung "andersrum". Bald darauf werden die Funktionen des Vorstandes an Westdeutsche übergeben. (Siehe: `92).

LSVD 1999 S.1

30. 6. 1990

In mehreren Städten der Bundesrepublik und der DDR: Demonstrationen für Streichung des § 175 StGB.

In Weimar: Kranzniederlegung im ehem. Konzentrationslager Buchenwald zum Gedenken an die NS-Verfolgung nach dem § 175 StGB.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

Sommer 1990

Aufrufe des BVH (Bundesverband Homosexualität), SVD, beider deutsche AIDS-Hilfen, BSV (Berliner Schwulenverband), des Sonntagsclub Berlin, Jugendnetzwerks "Lambda", Schwusos, ötv u.v.a. politisch engagierter Gruppen zur ersatzlosen Streichung der §§ 175 & 182 und für ein Antidiskriminierungsgesetz.

BVH, SVD, BSV und Vv 74 ("Vereinigung von 1974", Westberlin) haben "Wahlprüfsteine" erarbeitet. In mehreren deutschen Städten in Ost und West sind schwule Wahl-Hearings für Oktober geplant.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

Juli 1990

Die Postkartenaktion von BVH und SVD (siehe: Juni`90) beschäftigt den Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages in Bonn.

* * *

Am 9.7. wird unter der laufenden Nummer 761 der 1986 gegründete "Sonntags-Club" in das Vereinsregister des Stadtbezirksgerichts Berlin-Mitte eingetragen.
(Siehe oben: 15.Januar 1976 und: 1. Mai 1980). - Einige der Mitglieder haben dafür fast zwei Jahrzehnte gekämpft.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

* * *

Kraushaar 1997 S.212 ff. (Angaben diesbezügl. z.T. fehlerhaft)
Zeitzeugen-Talkshow am 22.Februar 2003 im Schwulen Museum

11. 7. 1990

Der Petitionsausschuß der Volkskammer der DDR beschließt, den "§ 175 StGB nicht in ein zukünftiges Strafrecht zu übernehmen", und die mit der gemeinsamen Postkartenaktion von BVH und SVD initiierten Eingaben "der Regierung der DDR zur Berücksichtigung zu überweisen".

Die Stadtverordnetenversammlung von Berlin (DDR) beschließt eine neue Verfassung, die als Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem "Runden Tisch" entstanden ist. Darin: Gleichstellung , unabhängig von "sexueller Orientierung", "andere Lebensgemeinschaften haben Anspruch auf Schutz" und Schutz der Menschenwürde vor öffentl. Diskriminierung (Art 6/2; Art.17; Art 12/3).

Siehe Folgendes: 20.9.1990

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

20. 9. 1990

In der Volkskammer der DDR (siehe Voriges: 11.7.`90) wird ein Antrag der PDS (siehe auch: 13.2.1990) zu Fragen der Rechtsstellung "gleichgeschlechtlich orientierter Bürger" verabschiedet. Darin wird jede unterschiedliche Behandlung aufgrund der sexuellen Orientierung für unzuverlässig erklärt und eine weitgehende Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit Ehen "festgeschrieben": dieser VolkskammerBeschluss kann keine Gesetzeskraft mehr erlangen. er wird als Empfehlung an den Bundestag verwiesen.
Siehe 3. Okt0ber 1990 :

Kraushaar, 1997, S.209

3. Oktober `90

Mit dem Beitritt der DDR zur BRD enden 41 Jahre "Diktatur des Proletariats" und der Aufbauversuch einer nicht-kapitalistischen, sozialistischen Gesellschaft in Deutschland. Ein großer Teil der Bevölkerung der ehem. DDR erlebt die Art der Vereinigung als Entwertung ihrer bisherigen Kompromisse, Lebensentwürfe und Leistungen. - Die für den Fall einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Grundgesetz der BRD verankerte Neuschaffung einer gemeinsamen Verfassung des vereinten Deutschland blieb bis heute aus.

Erfolg der Ex-DDR-Schwulenbewegung: der §175 wird nicht auf die neuen Bundesländer ausgeweitet. Damit galt in Ost- und Westdeutschland ein unterschiedliches Strafrecht, da in der bisherigen BRD der § 175 StGB als "Jugendschutzvorschrift" weiterhin bestand: dort bleibt die homosexuelle Verführung Jugendlicher bis 18 Jahre strafbar, im ehemaligen DDR-Gebiet bleibt sie weiterhin schon ab 16 straffrei.
(Siehe: 10.3.1994).

Thinius 1994 S.63,
LSVD 1999 S.1

18. Oktober 1990

Am Theater Kohlenpott in Herne wird "Pornoszene" von dem Geraer Dramatiker Andre SOKOLOWSKI uraufgeführt; Regie, Bühne, Musik: Willi THOMCZYK stückgut
Bühnen- und Musikverlag München 1990

27. 10. 1990

"Haut weg den Scheiß!" - Demonstration und Kundgebung von ca. 7000 Menschen aus allen Teilen der Republik in Berlin gegen § 175.
Bei dem Protestzug von Ost- nach West-Berlin passieren die Demonstranten am Brandenburger Tor ein Transparent mit der Aufschrift (auf die früheren Warnschilder an der deutsch-deutschen Grenze anspielend):
"Achtung! Hier gilt Paragraph 175! Ihr verlaßt die sexuell selbstbestimmte Zone Berlins!"
Durch die seit 3.Okt.`90 ungleiche Rechtslage zwischen alten und "neuen" Bundesländern, gilt für § 175 - wie bei dem Abtreibungsparagraphen 218 - das sog. "Tatortprinzip".

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995
Kraushaar 1997 S.214f

14. 11. 1990

Die Westberliner Polizei beendet autonome Versuche alternativen Lebens und Wohnens von Lesben und Schwulen im "Tuntenhaus" in der Mainzer Straße (Berlin Mitte).

Thinius 1994 S.69

1991

Die eigenständige DAH-DDR fusioniert mit der "Deutschen AIDS-Hilfe" (Referat "Ost"), nachdem die finanzielle Unterstützung eingestellt war.

* * *

In den USA erscheint die englische Ausgabe von Jürgen LEMKEs Schwulen-Interviews: "Gay Voices from East Germany", hrsg. von John BORNEMAN.

* * *

"Allegorie gegen die vorschnelle Mehrheit": Gedichte von GINO Hahnemann erscheinen.

Jahresbericht 1997 der AH-Weimar S.5,
Herrn 1999 S. 70

* * *

Indiana University Press 1991

* * *

Edition Galrev Berlin 1991

25. 5.1991

Neo-Nazis überfallen ein Fest mit ost- und westdeutschen Lesben und Schwulen im Garten des Gründerzeitmuseums von CHARLOTTE von Mahlsdorf und schlagen alles kurz und klein, es gibt Verletzte.

handschriftl. Presseinformation des Gründerzeitmuseums Mahlsdorf v. 31.5.`91 (Kopie, Archiv Brühl)
Mahlsdorf 1992 S.7

6. 6. 1991

Der SVD gründet in Köln seinen ersten westdeutschen Stützpunkt.

LSVD 1999 S.1

2. August 1991

Die Evang. Kirche Berlin-Brandenburg erlässt eine "Erklärung zur Gewalt gegen Homosexuelle."

"Die Kirche" Nr. 36 vom 11.8.1991

28.+ 29. 8. 1991

Zum ersten Mal wird genitale Homosexualität im noch real existierenden Deutschen Fernsehfunk (DFF) gezeigt, und zwar sowohl im Abend- als tagsdarauf jeweils auch im Nachmittagsprogramm - in dem (mit ost- und westdeutschen Mitarbeitern entstandenen) TV-Stück "Yphigeeni in T." nach R.W.FASSBINDERs "antiteater"-Stück von O. BRÜHL.

Tele Potsdam, Berlin 1991

September 1991

Der Dokumentarfilm "Unterm Strich" von Olaf STANNEK berichtet vom westberliner schwulen Straßenstrich im DFF (auch im Nachmittagsprogramm).

Tele Potsdam, Berlin 1991

8. 10. 1991

Auszug aus Mario WIRZ´ "Es ist spät ich kann nicht atmen" erscheint als Vorabdruck in dem Berliner Wochenblatt "Die Weltbühne".
Das Buch erscheint März 1992 im Aufbau-Verlag
.

"Die Weltbühne" Nr 42 Berlin 1991 S.1297 ff.

20. Oktober 1991

Ronald M. SCHERNIKAU stirbt in Berlin 31-jährig an AIDS. Er ist auf dem Georgen-Parochial-Friedhof II in Berlin-Friedrichshain beigesetzt. - Sein Briefwechsel mit dem Dichter und Dramatiker Peter HACKS erscheint 1992 im Konkret Literatur Verlag Hamburg. SCHERNIKAU hinterlässt seinen monumentalen Roman "Legende", der den Epochenumbruch in Deutschland beschreibt, und erst 1999 veröffentlicht wird.

edition goldenbogen
Dresden 1999

13. + 14. 11. 1991

Im (noch existierenden) DFF wird O.BRÜHLs Film "Wie ein Stern" ausgestrahlt, der den exzentrischen Modefriseur und Szene-Star Frank SCHÄFER porträtiert: schwules Sein in DDR-Konformität (*.

Tele Potsdam, Berlin 1991

24. 11. 1991

Die Synode dankt der evang. Kirchenleitung von Berlin-Brandenburg für ihr "Wort gegen die Gewalt gegen Homosexuelle" und "macht es sich zu eigen".

Archiv P. Birmele

1992

"Hochzeit auf dänisch. - Man(n) und Männer im neuen Deutschland" von Jürgen LEMKE erscheint: u.a. Interviews mit dem DDR-Schwulenbewegungs-Aktivisten Christian PULZ und dem westberliner Filmemacher Rosa von PRAUNHEIM: quasi eine kleine mentale Bestandsaufnahme der ost/west-deutschen Befindlichkeiten aus schwuler Sicht.

Von Michael SOLLORZ erscheint der Band Erzählungen "Paul und andere", der Beobachtungen im neuen Deutschland aus schwuler Sicht gestaltet.

In Leipzig wird einigen ehemaligen "Realpolitikern" des BVH die Führung im mitgliederstarken SVD übergeben. - Der ursprünglich autonome Ost-Verband wird zum Konkurrenzverband des BVH aufgebaut. (Siehe: 23.6.`90).

CHARLOTTE von Mahlsdorf (Lothar BERFELDE) erhält auf Vorschlag u.a. von Schwulen aus Westdeutschland für den Kampf gegen die DDR-Behörden zur Erhaltung ihres Gründerzeitmuseums in Berlin-Mahlsdorf das Bundesverdienstkreuz. - Einige Zeit später wird sie als "IM" ("Inoffizieller Mitarbeiter") der Staatssicherheit der DDR enttarnt und v.a. viele ihrer "authentischen" Geschichten als unauthentische Geschichten. - Sie bleibt trotzdem retrospektiv eine charismatische Galionsfigur der DDR-Schwulenbewegung, die als einzige auch dem wiedervereinten (nicht nur) schwulen Berlin und Deutschland zu gefallen vermag - und nicht zuletzt Dank ihres detailverliebten Erzähltalents, dessen mythologisierende "Wahrheit" über alles Dokumentierbare siegt (siehe auch: September 1992).

AtV, Berlin 1992

* * *

Verlag rosa Winkel Berlin 1992

* * *

Thinius 1994 S.69

* * *

Bild Nr.31, 1992
Mahlsdorf, 1992,
Siegessäule (Nr ?)
"Die Geschichten der Charlotte von Mahlsdorf"- Alexander Osang "Das einfache Lottchen" in: Berliner Zeitung v. 07.06.1997 (Magazin) S.1

Juni 1992

Organisiert von Andreas STROHFELD, Mahide MAHEIN, "Siegessäule" und begleitet von "Sistafilm" (aus dem Kreuzberger "Hexenhaus"): Sharon SAWYER / Susu GRUNENBERG / Petra RICKERT, fliegt eine Gruppe von west- und ostdeutschen Lesben und Schwulen nach Petersburg zum 1. dortigen CSD während der "Weißen Nächte". Dieser CSD kann aufgrund der Situation in Russland (noch) nicht auf den Straßen gefeiert werden, sondern findet in einem Palast statt. Es gibt ein großes Fest und intensiven Erfahrungsaustausch.

Dokumentarfilm von Sista-Film
(Archiv Mahein, Berlin)

16.-18. September 1992

Der "Pädagogische Kongress: Lebensformen und Sexualität - Was heißt hier normal?", an dem ca. 500 Gäste teilnehmen, wird vom Berliner Senator Thomas KRÜGER mit dem Hinweis eröffnet, dass auch die monogame heterosexuelle Ehe nur eine von vielen, verschiedenen möglichen Lebensformen darstellt. - Dr. Jörg HUTTER hält einen Vortrag zur Abschaffung des § 175 StGB: "Diskussion um die Schutzaltersgrenze - welche Probleme und welche Chancen ergeben sich aus der voraussichtlichen Gesetzesänderung für die Sexualpädagogik?".
Gegen Ende des Kongresses referieren Dr. Kurt BACH und Dr. Harald STUMPE über "Sexualerziehung in den Schulen der ehemaligen DDR und das Thema Homosexualität". In diesem Text kommen Initiativen und Gruppen der Lesben und Schwulen außerhalb der von DDR-Institutionen Ende der Achtziger Jahre geführten Homosexualitäts-Diskussionen nicht weiter vor.
Aber BACH & STUMPE stellen die entscheidende Frage:
»Lenin hatte im jungen Sowjetstaat die fortschrittlichste Sexualgesetzgebung der Welt eingeführt, wie aus den Materialien der ›Weltliga für Sexualreform‹ nachzulesen ist. Wie kam es zu der repressiven und sexualfeindlichen Einstellung der Sowjetunion der Nachkriegszeit, die in ihren Grundzügen an die ›Enzyklika Humanae Vitae‹ stärker anknüpft als an humanitäre Auffassungen des klassischen Sozialismus?«
Sie benennen Auswirkungen auf die Situation in der DDR, den wissenschaftlichen Informationsstand, den Einzelkampf von Akademikern und die privaten Einstellungen von Pädagogen und Eltern unter Verdrängung bis Anpassungsdruck. Sie beschreiben die Blockaden, Homosexualität überhaupt zu erwähnen:
»Es kam keine breite Erörterung dieses Problemkreises zustande, auch nicht in Wissenschaftlerkreisen. Klimmers Publikationen waren kaum bekannt, der Spejer-Report überhaupt nicht.«

Senatsverwaltung für Jugend und Familie Berlin, Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweisen Nr.8 S.197 ff + 247 ff

30. 9. 1992

Michael BOCHOW berichtet auf dem Deutschen Soziologen-Tag über "Einstellungen und Werthaltungen zu homosexuellen Männern in Ost- und Westdeutschland"

Thinius 1994

September 1992

Rosa von PRAUNHEIM zeigt in dem Film "Ich bin meine eigene Frau" (Drehbuch: Valentin PASSONI) das selbsterzählte Leben des Transvestiten CHARLOTTE von Mahlsdorf (Lothar Berfelde).
Zeitgleich erscheint das gleichnamige Buch mit CHARLOTTES Erinnerungen - (siehe oben).

Mahlsdorf 1992 S.187

1993

Bert THINIUS publiziert "Individualitätsentwicklung und individuelle Vergesellschaftung in der DDR aufgewachsener schwuler Männer vor und nach der 'Wende'"

Mirko ADAM, der bereits in den Achtziger Jahren schwulenemanzipatorisch beim Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" aktiv war, eröffnet am 1.2. den Verkauf in seinem schwulen Buchladen im Osten Berlins.





Adam

25. 3. 1993

Der SVD organisiert zusammen mit Prominenten eine Initiative für eine Grundgesetzänderung: niemand soll wegen seiner sexuellen Identität diskriminiert werden.

LSVD 1999 S.2/54

März 1993

"Rebekkas schwule Väter" von O. BRÜHL auf dem deutschen Kinder- und Jugendfilmfestival "Goldener Spatz" in Gera. - Das Thema `homosexuelle Eltern´ kommt in die Talk-Shows der Fernsehsender (**.

Tele Potsdam 1992für ZDF/3sat
Goldener Spatz Gera

1994

Als einzigem ostdeutschen Standort wird in Weimar im Rahmen des europaweiten AIDS-Memorial-Projektes des westberliner Künstlers Tom FECHT ein "Dreizeiler" mit Namen von AIDS-Toten ins Straßenpflaster eingelassen.

»Verloren am anderen Ufer? Schwule und lesbische Jugendliche und ihre Eltern« von Jürgen LEMKE erscheint.

»Abel und Joe«, ein Roman von Michael SOLLORZ erscheint.

AH-Weimar Jahresbericht 1997 S.18

AtV Berlin 1994

Verlag rosa Winkel Berlin 1994

10. 3. 1994

Die Entscheidung (CDU/FDP-Koalition mit Unterstützung von SPD, PDS und Grünen) fällt etwa um 19.50 Uhr und wird ab 20 Uhr im Videotext von ARD/ZDF mitgeteilt:
Durch Streichung des Paragraphen 175 - in Übernahme des von 1988 stammenden DDR-Rechts - endet die unterschiedliche Rechtslage für Homosexuelle in Ost und West-Deutschland. Die DDR-Regelung wird hinsichtlich des "Jugendschutzes" im § 182 modifiziert.
Für eine ersatzlose Streichung fand sich im Deutschen Bundestag an der Schwelle zum 21. Jahrhundert keine Mehrheit.
Eine weitere Möglichkeit, fortschrittlichere Ansätze zu übernehmen bzw. neu einzubringen, war damit gescheitert.
Keine Entschuldigung bei den bislang Diskriminierten, keine Rehabilitation der Kriminalisierten der Nazi- und Nachkriegszeit 1935 - 1969, keine "Entschädigungs"-Zahlung für KZ-Opfer des § 175 in Aussicht, keine Distanzierung vom NS-Unrecht in Gestalt des § 175...

Thinius 1994 S.51
Archiv J.Müller: Datenliste 1995,
Katalog 1997 S.292f/297,
LSVD 1999 S.2

April 1994

Christian PULZ (inzwischen "offen schwuler" Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus) wünscht sich nach Einsicht in seine Stasi-Akten in einem Gespräch mit "magnus" von den 'Inoffiziellen Mitarbeitern' des MfS eine Art öffentliches Schuldbekenntnis.

magnus 4/1994

11. Juni 1994

Im gesamten Bundesgebiet tritt § 182 in Kraft.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995
Katalog 1997 S.297

12. 6. 1994

Günter GRAU veröffentlicht den Artikel "Macht alle mit!": Wie die "Stasi" Homosexuelle observierte.
(Siehe auch: Juli`94)

"Der Tagesspiegel" vom 12.6.1994 S.IV

18. 6.1994

SVD-Landesverband Berlin-Brandenburg ist erstmals Mitveranstalter des CSD in Berlin. Der SVD hat inzwischen ca. 300 Mitglieder im Osten.

Thinius 1994 S.67,
LSVD 1999 S.3

Juli 1994

"Mit deutscher Gründlichkeit erfaßt, ausgewertet und registriert": "magnus" veröffentlicht ein Interview von H.Gunnar DÖBBERTHIN und Walther WEIHRAUCH mit Ex-Oberstleutnant Wolfgang SCHMIDT (ehem. Leiter der Auswertungs-. und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR) über seine Arbeit bei der Observierung der Homosexuellen-Szene.






"Zur weiteren Veranlassung": für "konkret" führt Eike STEDEFELDT ein Interview mit Wolfgang SCHMIDT.

magnus 7/94 S.53-59

* * *

Stedefeldt (gekürzt) in: konkret 7/1994
(erstmals vollständig in: Gigi.Zeitschrift für sexuelle Emanzipation Nr. 40 Berlin 2005 S.8-13
und in: Wolfram Setz (Hrsg.) "Homosexualität in der DDR", Hamburg 2006 S.64-70)

15.5.1995

Zum 60. Todestag (an seinem Geburtstag) von Magnus HIRSCHFELD, des Gründers des "Wissenschaftlich-humanitären Komitees", wird am Gründungsort, HIRSCHFELDs Wohnhaus in Berlin-Charlottenburg, eine Gedenksäule eingeweiht.

Herrn Hamburg 1999 S.72

Oktober 1995

Der Sammelband "Die Linke und das Laster" (Hrsg. D. GRUMBACH) erscheint in Hamburg : darin u.a."Die Bewegung der Homosexuellen. Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten im antifaschistischen Exil" von Alexander ZINN und "Sozialistische Moral und Homosexualität" von Günter GRAU.

Verlag MännerSchwarmScript Hamburg 1995

14. 9. 1995

18. 1. 1996

Nach Anhörung über Lebenssituation von Lesben und Schwulen mit SVD-Sprecher G. DWOREK beschließt der Landtag Sachsen-Anhalt eine Entschließung zum "Abbau von Diskriminierung und Benachteiligung Gleichgeschlechtlicher".

LSVD 1999 S.3

7. Juni 1996

Einen Tag vor der ersten CSD-Demonstration in Sachsen-Anhalt stürmen spätabends 160 bewaffnete Polizisten das Schwulenlokal "Zoom" in der Rudolf-Breitscheid-Straße in Halle: "Verdacht auf Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz". Die 75 Gäste müssen sich ausziehen und hinlegen, sie werden gefesselt. Ihre Personalien werden aufgenommen, ihre Gesichter per Video dokumentiert. Die Frage nach dem Einsatzleiter beantwortet einer der Beamten mit: "Der Führer kommt später." - Aufgrund einer späteren Petition an den Landtag in Magdeburg durch das Lesben- und Schwulenzentrum "Lebensart" wird zwar eine offizielle Entschuldigung abgelehnt, jedoch eine Untersuchungskommission eingesetzt.

Der Roman "Orakel" von Michael SOLLORZ erscheint, während der Autor an seinem nächsten Buch arbeitet: "Deutscher Meister im Seitensprung" - es erscheint 1997.

Kraushaar 1997 S.226 f

* * *





queer Verlag Berlin 1996

15. 5. 1997

Magnus HIRSCHFELDs Geburtstag:
vor 100 Jahren gründete dieser (an seinem 29.) gemeinsam mit Max SPOHR, Eduard OBERG und Max von BÜLOW das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" (WhK) Berlin.

Eröffnung der Ausstellung "100 Yeras of the Gay Rights Movement in Germany" im Goethe-Institut New York. (Kurator: Dr. Rainer HERRN). Der Katalog enthält die erste gesamtdeutsche Chronologie der deutschen Schwulenbewegungen nach 1945.

Am 17.5. folgt die Eröffnung der großen Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung" in der Akademie der Künste, Berlin, gemeinsam mit dem Schwulen Museum (bis 17.8.1997). Gesamtleitung: Dr. Andreas STERNWEILER (Schwules Museum) und Dr. Hans Gerhard HANNESEN (AdK).
Die Ausstellung wird von einem reichhaltigen Programm künstlerischer, wissenschaftlicher und eventartiger Veranstaltungen begleitet.








Rainer Herrn, 1997

* * *


Katalog 1997





* * *







EPILOG

"...Damit zusammenwächst, was zusammen gehört..."
Helmut KOHL

4. 10. 2002

Gemeinsam mit dem berüchtigten DDR-Endokrinologen und -Nationalpreisträgers Prof. Günter DÖRNER ("siehe oben") empfängt Volker BECK (Die Grünen/LSVD "Homo-Ehe"), und obwohl er Bundestagsabgeordneter ist, das Bundesverdienstkreuz aus den Händen des Bundespräsidenten Johannes RAU: v.a. für die Durchsetzung einer Entschädigung ehem. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter der NS-Zeit. - (In den Jahren zuvor erhielten das Kreuz bereits Bundesanwalt i.R. Manfred BRUHNS und Eduard STAPEL, beide ebenfalls LSVD/Die Grünen). - Volker BECK wird später von sich lediglich behaupten, dass er
von der synchronen Verleihung an Prof. DÖRNER
"nichts gewußt" habe - und die Auszeichnung behalten.

Zum chronologischen Abschluss hier ein Kommentar dieses Ereignisses
von Elmar KRAUSHAAR - taz Nr. 7075 vom 11.6.2003 - Seite 20:

"Auf seine Weise verhöhnt hat der homophile Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, seine schwule Klasse, für die er so gern den Alleinvertretungsanspruch behauptet. Anlässlich einer Ordensverleihung. Am 4.Oktober vergangenen Jahres erhielt Beck im Berliner Schloß Bellevue aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau das Verdienstkreuz. Zu Recht, kommentierte damals bissig eine »AG Schwulenpolitik«, schließlich habe »sich Beck um die Anpassung der Schwulen und Lesben und ihrer politischen Bewegungen an eine konservativ strukturierte Gesellschaft und ihre bestmögliche Unterordnung unter heterosexuelle Spielregeln verdient gemacht.«
Mit Beck stand an diesem Tag vor dem großen Rau der Hormonforscher und einstige Charité-Professor Günter Dörner, auch »Ratten-Dörner« genannt. Der bekam das »Große Verdienstkreuz des Verdienstordens«, denn sein Verdienst war es gewesen, nach ausgiebigen Versuchen mit Ratten eine weitere Theorie zur Entstehung von Homosexualität beigesteuert zu haben. Stress im Mutterleib führe dazu, so das Ergebnis der Dörner-Forschungen, und entsprechende Hormonbehandlungen könne Frauen davor schützen, homosexuelle Kinder auf die Welt zu bringen, so die Folgerung.
Was für ein historischer Moment: Dörner und Beck, der ausgewiesene Homo-Feind und der so apostrophierte Homo-Freund, gemeinsam vor Rau, von Insidern auch liebevoll »Johanna« genannt. Schwule haben tatsächlich Schwierigkeiten mit der Ehre und den Preisen, entweder sie kriegen erst gar keine, weder das eine noch das andere. Oder sie können nicht Nein sagen dazu, auch wenn sie unbedingt ablehnen müssten."

www.taz.de/pt/2003/06/11/a0159.nf/text (Elmar KRAUSHAAR)

Siehe:
(www.volkerbeck.de/pe/021004vk.htm)
www.whk.de/Mitteilungen23.htm + www.whk.de/whk1602.htm
http://www.hirschfeld.in-berlin.de/aktuell/bundespraesident_doerner.html

Großes Bundesverdienstkreuz fürs „Wegspritzen“ von Homosexualität
Interview: Emanuel NAHRSTEDT

zurück zu:
"Stern"-Bericht 1969



















*


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Literatur :

BACH, K. + THINIUS, H.
Die Abschaffung des Homosexuellenparagraphen in der DDR
In: Zeitschrift für Sexualforschung Nr.3, 1989


VAN DIJK, Lutz & GRAU, Günter
Einsam war ich nie
Schwule unter dem Hakenkreuz 1933-1945
Darin (S.142-158):
GRAU, Günter
Schmerzhafte Erinnerungen
Ein Kommentar
Speziell auch zur deutschen Nachkriegsjustiz
Mit einem Nachwort von Wolfgang POPP
Berlin 2003


Strafrecht gegen Homosexuelle
Ausstellungskatalog
Verlag rosa Winkel Berlin 1990
Darin:
DOSE, Ralf
Der § 175 in der Bundesrepublik Deutschland (1949 bis heute)
FEUSTEL, Gotthard
Die Geschichte des § 175


FREUNDE EINES SCHWULEN MUSEUMS IN BERLIN e.V.
Die andere Liebe
Eine illustrierte Geschichte der Homosexualität
Leipzig 1995


GRAU, Günter (Hrsg.)
Lesben und Schwule. Was nun?
Chronik-Dokumente-Analysen-Interviews
Berlin 1990


GRAU, Günter
Sozialistische Moral und Homosexualität
Die Politik der SED und das Homosexuellenstrafrecht 1945 bis 1989
In: GRUMBACH, D. (Hrsg.), Die Linke und das Laster
Schwule Emanzipation und linke Vorurteile S. 85 141
Hamburg 1995


GRAU, Günter
Im Auftrag der Partei
Versuch einer Reform der strafrechtlichen Bestimmungen zur Homosexualität in der DDR 1952
In: Zeitschrift für Sexualforschung 9/1996 S. 109-130


GRAU, Günter
Ein Leben im Kampf gegen den Paragraphen 175
Zum Wirken des Dresdene Arztes Rudolf Klimmer 1905-1977
In: HERZER, M. 100 Jahre Schwulenbewegung S. 47-64
Berlin 1998


GRAU, Günter (Hrsg.)
Schwulsein 2000
Perspektiven im vereinigten Deutschland
Hamburg 2001
(s.: www.olafbruehl.de/schw2000.htm
und : www.olafbruehl.de/essay.htm)


GRAU, Günter
Liberalisierung und Repression
Zur Strafrechtsdiskussion zum § 175 in der DDR
In: Zeitschrift für Sexualforschung 15/2002 Sonderdruck S.232-340


HERRN, Rainer
100 Years of the Gay Rights Movement in Germany
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Goethe-Institut New York
New York 1997


HERRN, Rainer
Anders bewegt
100 Jahre Schwulenbewegung in Deutschland
Hamburg 1999


HERRN, Rainer
Schwule Lebenswelten im Osten: andere Orte, andere Biographien
Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit
Berlin 1999


HERZER, Manfred
100 Jahre Schwulenbewegung
Berlin 1998


HOSI-Wien
Rosa Liebe unterm roten Stern
Zur Lage der Lesben und Schwulen in Osteuropa
Hamburg 1984


ITALIAANDER, Rudolf
Die Situation in der DDR
In: Rudolf ITALIAANDER, Weder Krankheit noch Verbrechen
Plädoyer für eine Minderheit S. 274-276
Hamburg 1969


KOWALSKI, Gudrun von
Homosexualität in der DDR
Ein historischer Abriß
Verlag Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft
Marburg 1987


KRAUSHAAR, Elmar
100 Jahre Schwulenbewegung
Berlin 1997


LSVD
Kleine Geschichte des LSVD
Internet 25.11.1999 http://www.lsvd.de
ausgewertet von Michael Holy, Frankfurt am Main


MÜLLER, Joachim
Betrifft: Haftgruppen "Homosexuelle"
- Rehabilitierung (k)ein Problem ? -
Schlaglichter zu einigen markanten Stationen in offiziellen und öffentlichen Bereichen
In: Homosexuelle in Konzentrationslagern S. 10-30
Wissenschaftliche Tagung 12. + 13. September 1997: KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora Nordhausen
Berlin/Bonn 2000


Schwules Museum & Akademie der Künste Berlin
100 Jahre Schwulenbewegung
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung 17.5.-17.8.1997
darin: Karl-Heinz STEINLE, VI.1 Homophiles Deutschland - West und Ost
Wolfgang THEIS, VII.3 Mach dein Schwulsein öffentlich - Bundesrepublik
Karl-Heinz STEINLE, VII.4 DDR und UdSSR
Berlin, 1997
(in Chronologie zitiert als "Katalog 1997 Steinle")


Senatsverwaltung für Jugend und Familie / Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (Hrsg.)
Geschichte und Perspektiven von Lesben und Schwulen in den neuen Bundesländern
Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation Nr.4
Berlin 1990


SETZ, Wolfram (Hrsg.)
Homosexualität in der DDR.
Meinungen und Materialien
darin: Bert THINIUS, Olaf BRÜHL, Klaus LAABS, Michael SOLLORZ,
Eike STEDEFELDT, Peter RAUSCH, Florian MILDENBERGER
Hamburg 2006


SILLGE, Ursula
Un-Sichtbare Frauen.
Lesben und ihre Emanzipation in der DDR
Berlin 1991


SOUKUP, Jean Jaques
Die DDR. Die Schwulen. Der Aufbruch.
Versuch einer Bestandsaufnahme
Waldschlösschen Tagungsband 17.-19.11.1989
Göttingen Februar 1990


STAPEL, Eduard
Schwulenbewegung in der DDR.
Interview von Kurt STARKE mit Eduard STAPEL vom SVD
In: STARKE, Kurt Schwuler Osten S.91-110
Berlin 1994


STAPEL, Eduard
Warme Brüder gegen kalte Krieger
Betroffene erinnern sich (10)
Magdeburg Dezember 1999


STARKE, Kurt
Schwuler Osten
Homosexuelle Männer in der DDR
Berlin 1994


STEAKLEY, J.
Gays under Socialism
In: Body Politic Nr.29 S.15-18
Dec/Jan 1976/77


SWEET, Dennis M.
Jasager/Neinsager/Jeinsager
Die rolle der schwulen Literatur in der DDR und danach
In: Verqueere Wissenschaft?
Zum Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Gegenwart
Ursula FERDINAND, Andreas PRETZEL, Andreas SEECK (Hg.)
Münster, Hamburg, London: LIT 1998 S. 103-110


THINIUS, Bert
Verwandlung und Fall des Paragraphen 175
in der Deutschen Demokratischen Republik

In: Freunde eines Schwulen Museums in Berlin e.V., Die Geschichte des §175.
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung S.145-162
Berlin 1990


THINIUS, Bert
Ausbruch aus dem grauen Versteck. Ankunft im bunten Getto?
Ansichten zur Geschichte ostdeutscher Schwuler
(zuerst in: STARKE, Kurt Schwuler Osten, S.11 ff, Berlin 1994)
Überarbeitet: BVH Materialien 4
Berlin September 1994


UHLEMANN, Jan
Schwule Männer in Ostberlin 1968 bis 1990
Emanzipation einer Subkultur -
Entwicklung von Formen sozialer Arbeit
Diplomarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen
Berlin 25. Juni 2003


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Anmerkungen :

KLIMMER bezog sich auf Magnus HIRSCHFELDs Position, "dass Homosexualität (...) 'natürlich' sei (und die) daraus folgende Ungefährlichkeit für die Gesellschaft sowie die 'Schuldlosigkeit' der Betroffenen."
(a.a.O.)
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"(...) dass vom physiologischen und erzieherischen Standpunkt (...) schwerwiegende Bedenken gegen die Publikation erhoben wurden, ganz besonders in Verbindung mit dem reißerischen Titel."
(a.a.O.)
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Der VVNantwortet "mit kameradschaftlichem Gruß":
"Hat ein Antifaschist Widerstand geleistet, kann er aufgenommen werden, auch dann, wenn er u.U. nicht verhaftet war; ist ein solcher Antifaschist ein Homosexueller, steht seiner Aufnahme nichts im Wege. Lediglich der Grund der Verfolgung seitens des Naziregimes gegenüber einem Homosexuellen ist für uns noch kein Aufnahmegrund."

(a.a.O.)
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Das Ost-Berliner Kammergericht begründet so:
"Die Vorschrift verwirklicht insbesondere einen fortschrittlichen Gedanken, als sie die geschlechtliche Integrität und damit die gesunde Entwicklung der Jugend schützt." (...) "Der Jugend sind beim Aufbau eines neuen demokratischen Deutschlands, dem Wiederaufbau einer Friedenswirtschaft und der Entwicklung und Festigung der demokratischen Ordnung (...) wichtige Aufgaben gestellt." (...) "Junge Menschen vor einer durch Verführung möglichen gesundheitlichen und charakterlichen Fehlentwicklung zu schützen, ist eine gesellschaftlich bedeutsame und fortschrittliche Aufgabe der Rechtsordnung und einer demokratischen Justiz."
(GRAU, a.a.O., S. 98)
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Der 1952 vorgelegte (nicht verwirklichte) Entwurf sieht vor:
»§ 134 Homosexualität
Mit Freiheitsentzug bis zu sieben Jahren wird bestraft
1. Wer einen anderen zum gleichgeschlechtlichen Verkehr nötigt,
2. wer aus dem gleichgeschlechtlichen Verkehr ein Gewerbe macht,
3. wer volljährig ist und mit einer minderjährigen Person gleichgeschlechtlichen Verkehr ausübt.«

(Grau, MORAL, S. 105)

In der Begründung dazu heißt es mit ebenso verblüffendem Kausalkonstrukt wie aus grundlosem Optimismus:
... "dass gerade die Homosexualität als gesellschaftliche Erscheinung schon vor 1919 aufgetreten ist in diesem parasitären Leben um die Hohenzollern, und dass in der Periode des Imperialismus gerade die Homosexualität als Abhängigkeitserscheinung doch an erster Stelle unter den Degenerierten der herrschenden Klasse aufgetreten ist. Die Hauptwurzel liegt nicht in der Erwerbslosigkeit, sondern die Erwerbslosigkeit ist die Möglichkeit, in der die herrschenden Kreise ansetzen können, um arbeitslose Menschen zu bewegen, als Prostituierte tätig zu werden. Darum ist es nicht zufällig, dass in der Arbeiterklasse die Homosexualität keine Gesamterscheinung ist. Eine Frage ist jetzt, ob nun nicht die Wurzeln weggefallen sind."
(Kraushaar, 1997, S.90 f)
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...Dehnbar wäre allerdings der vorgesehene Straftatbestand "Verletzung der sittlichen Anschauungen der Werktätigen" gewesen...
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Die LDPD schrieb:
"Wir werden entsprechend Ihrer Anregung verfahren".
Ottomar GESCHKE, der Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) antwortete:
"Mit voller Überzeugung trete ich für eine Abschaffung des § 175 ein. Ich werde diesen Standpunkt auch in der VVN-Fraktion der Volkskammer vertreten, und ich bin gewiß, dass alle Kameraden meine Auffassung teilen werden."
Victor KLEMPERER, der große Romanist, Autor von "LTI", Universitätsprofessor und Nationalpreisträger, unterstützt KLIMMER:
"Seit Jahrzehnten teile ich die von Ihnen entwickelte und vertretene Meinung durchaus." (In KLEMPERERS Tagebüchern zwischen 1945 und 1959 wird KLIMMER nirgends erwähnt.)
Heinz HELLWEG, ein Zivilrichter aus Sangerhausen, schrieb:
"Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass hier eine Änderung eintreten dass." (...) "Ein volljähriger Mann, um diesen handelt es sich ja in erster Linie, dass meiner Ansicht nach über sich selbst bestimmen, mit wem er Verkehr ausüben will. Da hat sich der Staat nicht einzumischen."
(Kraushaar, 1997, S.89) zurück




























Persönliche Erinnerung:
Der Film wurde in der DDR nie gezeigt – im Gegensatz zu anderen Werken FASSBINDERS. Wer »Westfernsehen« empfangen konnte, hatte vielleicht (wie ich – und jener SED-Funktionär) am 9. 1. 1973 die ARD-Ausstrahlung gesehen und war von FASSBINDERS sozialer, detailversessener Sensibilität beeindruckt – in der Schule am nächsten Tag und nicht nur dort wurde jedenfalls von nichts anderem geredet – natürlich auch wegen der Großaufnahme von Harry BAERS Schwanz.
(O.B., 2006)

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So, wie BRECHT z.B. auch in der "Ballade von der Freundschaft", "Baal" oder "Im Dickicht der Städte" mannmännliches Begehren gestaltet. - BRECHT: "Ideologiezertrümmerung! Ideologiezertrümmerung! Ideologiezertrümmerung!"
(Aufführungen dieser Stücke sind in der DDR, wenn sie denn überhaupt stattfinden, entsprechend ignorant oder, wenn nicht, stoßen sie auf Widerstand, wie v.a. die Inszenierung "Dickicht der Städte" von Ruth BERGHAUS am "Berliner Ensemble", Premiere: 28.1.1971.)
zurück zu: 1957

»Eduards Männerliebe zu Gaveston betrachten wir als ein angemessenes Bedürfnis, es ist stellvertretend für viele Bedürfnisse, welche das Individuum anmeldet und das die Gesellschaft, ihre Menschen, Gesetze und Moral, verkraften sollten. Die Homosexualität als menschliches Verhältnis wird einerseits nicht unterschlagen und steht andererseits nicht als Problem zur Diskussion.«
Der Schwiegersohn BRECHTs und BE-Starschauspieler Ekkehard SCHALL formuliert hier für Gruppierungen der Kulturszene der DDR in den Siebzigern eine wahrscheinlich repräsentative Haltung zum Thema Homosexualität. Publiziert per Informationsmaterial zur Inszenierung, das kostenlos an der Theaterkasse auslag. Die Aufführungen des BE wurden traditionell von den ideologischen und politischen Spitzen des Staates wahrgenommen. Abgesehen davon, dass SCHALLs Forderung in krassem Gegensatz zu den öffentlich vertretenen Standpunkten der Fachkompetenz in Recht und Medizin (wenige Ausnahmen zu jener Zeit: KLIMMER und SCHNABL) stehen, greift seine Auffassung prinzipiell weiter, als später die manches Schwulenaktivisten. - SCHALL zitiert begründend in seinem Handzettel (evtl. wie einst Theologen gegenüber Kirchenoberen die "Bibel" zitierten) Karl MARX´ "Ökonomisch-philosophische Manuskripte" von 1844, das Zitat folgt hier, um die unterstellte gesamtgesellschaftliche Sicht der Homosexualität -jenseits von Familienorientierung, Konformitäts- und Moralvorstellungen- zu belegen:
"Wenn die EMPFINDUNGEN, Leidenschaften etc. des Menschen nicht nur anthropologische Bestimmungen im /engeren/ Sinn, sondern wahrhaft ONTOLOGISCHE Wesens-(Natur-)bejahungen sind - und wenn sie nur dadurch wirklich sich bejahen, dass ihr GEGENSTAND SINNLICH für sie ist, so versteht sich, 1. dass die Weise ihrer Bejahung durchaus nicht eine und dieselbe ist, sondern vielmehr die unterschiedne Weise der Bejahung die Eigentümlichkeit ihres Daseins, ihres Lebens bildet; - die Weise, wie der Gegenstand für sie, ist die eigentümliche Weise ihres GENUSSES; 2. da, wo die sinnliche Bejahung unmittelbares Aufheben des Gegenstandes in seiner selbständigen Form ist (Essen. Trinken, Bearbeiten des Gegenstandes etc.), ist dies die Bejahung des Gegenstandes; 3. insofern der Mensch MENSCHLICH, also Bejahung des Gegenstandes durch einen andren ebenfalls sein eigner Genuß; 4. erst durch die entwickelte Industrie, i. e. durch die Vermittlung des Privateigentums, wird das ontologische Wesen der menschlichen Leidenschaft sowohl in seiner Totalität als in seiner Menschlichkeit; die Wissenschaft vom Menschen ist also selbst ein Produkt der praktischen Selbstbetätigung des Menschen; 5. der Sinn des Privateigentums - losgelöst von seiner Entfremdung - ist das DASEIN der WESENTLICHEN GEGENSTÄNDE für den Menschen, sowohl als Gegenstand des Genusses wie der Tätigkeit.-"
(Es ist m.E. nicht zu ersehen, weshalb SCHALLs an so prominenter Stelle placierte Äußerung - pars pro toto - gegenüber gleichartigen oder ähnlich ambitionierten Manifestationen von Literaten, Schwulenaktivisten und/oder Fachleuten übersehen oder v.a. in seiner Bedeutung unterschätzt werden sollte. - Die Fokussierung der Aufmerksamkeit und der Beschreibung der Geschichte des Homosexualitäts-Diskurses auf die schwule "Szene" und ihre Bewegungen allein versagt vor der gesellschaftlichen Komplexität von Bewußtseins- und Bewegungsprozessen wie diesem. O.B., 2003).

zurück zu: 1953
zurück zu: 1968

zurück zu: 1974




























»Infolge der Beschränkung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit auf beischlafähnliche Handlungen (in der DDR) ist bereits jetzt der größere Teil homosexueller Handlungen straflos; in bezug auf den Grad der Gesellschaftsgefährlichkeit besteht jedoch zwischen den beischlafähnlichen und den übrigen gleichgeschlechtlichen Handlungen kein Unterschied, so daß auch eine der Bestrafung der beischlafähnlichen gleichgeschlechtlichen Handlungen nicht gerechtfertigt ist.«
(a.a.O., S.175; in dritter, erweiterter und verbesserter Auflage 1969, S.331)

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"Dieses arbeitsscheue Element, das unter dem Spitznamen 'Puppe' in homosexuellen Kreisen in Westberlin sehr bekannt war und seit dem 13.August im demokratischen Berlin nach Opfern Ausschau hielt, hatte sich seiner Festnahme durch die Volkspolizei zu widersetzen versucht, war in den Humboldt-Hafen gesprungen und dabei ums Leben gekommen..."
(a.a.O.)
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KLIMMER aus Dresden an das Justizministerium der DDR:
"Die exzessive Verfolgung der Homosexuellen mit KZ und Todesurteilen war ein Verbrechen (...) es ist bisher weder aufgeklärt noch ungesühnt. Nach 21 Jahren wäre es jetzt die höchste Zeit, dass diese Frage aufgerollt wird." (...) "Was gedenkt das Ministerium für Justiz hierfür zu tun?"
Das Ministerium verwahrt sich in der Antwort vom 26.Okt.`66 dagegen:
"Widerstandskämpfer, rassisch Verfolgte und Homosexuelle einfach gleichzustellen. In der Deutschen Demokratischen Republik wurden Nazi- und Kriegsverbrecher bekanntlich konsequent verfolgt." (...) "Aus all diesen Gründen besteht keine Notwendigkeit für besondere Maßnahmen."
KRAUSHAAR,S. 120 f.
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Paragraph 151:
"Ein Erwachsener, der mit einem Jugendlichen gleichen Geschlechts sexuelle Handlungen vornimmt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft."
(Strafgesetzbuch der DDR, 1968)
zurück nach: 1968
zurück nach: 1988


































Rudolf KLIMMER: Die Situation in der DDR
Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus 1945 glaubten die Homosexuellen, dass nun auch für sie die Stunde der Befreiung gekommen sei. In verschiedenen Großstädten der DDR versuchten sie gesellschaftliche Zusammenkünfte teilweise mit Tanz zu veranstalten. Diese Lokale wurden aber kurze Zeit danach ausgehoben und die Homosexuellen registriert Dann verzog sich das homosexuelle Leben auf die Straße und Bekanntschaften wurden unter anderem in Bedürfnisanstalten gesucht Aber auch dort wurde nach und nach das öffentliche homosexuelle Leben zurückgedrängt.
1950 verkündete das Oberste Gericht der DDR ein Urteil, in dem es hieß: § 175 StGB ist in der alten Fassung von 1871 anzuwenden, die nur beischlafähnliche Handlungen pönalisiert, die Neufassung von 1955, die alle homosexuellen Handlungen unter Strafe stellte, ist nazistisch. Der § 175 a StGB (qualifizierte Fälle) bleibt bestehen. Das Kammergericht Berlin-Ost wies darauf hin, dass bei allen unter § 175 alter Fassung fallende Straftaten weitherzig von der Einstellung wegen Geringfügigkeit Gebrauch gemacht werden solle. So kam es, dass schon in den letzten Jahren homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen nicht mehr bestraft wurden. In fast allen Staaten des sozialistischen Lagers werden die Gesetze und Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet, so wird auch die biologische Gegebenheit eines Andersseins nicht mehr strafrechtlich verfolgt, soweit gesellschaftliche Gefährdung nicht besteht Es wird jedoch über dieses Problem schweigend hinweggegangen. Seit dem 1. Juli 1968 haben wir ein neues Strafgesetzbuch, nach dem homosexuelle Handlungen Erwachsener nicht mehr strafbar sind. Das Jugendschutzalter für beide Geschlechter beträgt bei gleichgeschlechtlichen Handlungen 18 Jahre. Damit haben wir uns den Reformen unserer Nachbarländer VR Polen und CSSR angeschlossen. Auch Ungarn und Bulgarien kennen keine Pönalisierung der Erwachsenenhomosexualität mehr.
Trotz dieser fortschrittlichen Gesetzgebung hat sich das homosexuelle Leben in der DDR nicht geändert. Eigenartig ist das unterschiedliche Verhalten zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Westen freieres Ausleben in der Öffentlichkeit, homosexuelle Zeitschriften und Lokale sowie eine weitverbreitete homosexuelle Prostitution bei strengen Strafgesetzen und hier im Osten wenig öffentliche Erscheinungsformen, keine Zeitschriften und Clubs. Homosexuelle Prostitution gibt es hier kaum. Junge Menschen haben alle Arbeit und verdienen zeitig und gut. Die Jugend wird hier sehr großzügig gefördert Das homosexuelle Leben spielt sich sehr in der Stille und in privaten Sphären ab. Einige Homosexuelle scheuen sich nicht, führen ein eheähnliches Verhältnis und leben zusammen. Es erweckt den Eindruck, als ob diese Stilbildung von der Umgebung und einigen Behörden als ethische Form gebilligt wird, während man oft wechselnden Geschlechtsverkehr verurteilt. "Queens" treten in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung. Langdauernde homosexuelle Verhältnisse dürften hier vielleicht häufiger als in Westdeutschland sein. Das zurückgezogene Leben führt jedoch oft zur Vereinsamung und schweren Depressionen, weil ein Sichkennenlernen recht erschwert ist.
Über Homosexualität wird in der DDR kaum gesprochen und geschrieben. Homosexualität ist hier immer noch ein Tabu, das man nur in der privaten Sphäre duldet. Homosexuelle Filme, Theaterstücke und Fernsehsendungen gibt es nicht, auch keine eigentlichen homosexuellen Romane. Im medizinischen Wörterbuch steht immer noch: "Homosexualität wird nicht durchweg als Krankheit, sondern unter Umständen als Laster beurteilt". Auch wird versucht, Homosexualität als eine bürgerliche Entartung abzuwerten. Diese veralteten Ansichten werden von unseren heutigen Wissenschaftlern nicht geteilt. Eine einheitliche wissenschaftliche Meinung ist nicht fixiert. 1958, als Klimmer sein Buch über die Homosexualität in der DDR veröffentlichen wollte, erhielt der Verlag keine Druckgenehmigung. Diese wurde erst 1963 dem tschechischen Autor Freund erteilt. Charakteristischerweise betont das Vorwort: "dass das Buch nur in die Hand des Wissenschaftlers gehöre." Eine Aufklärung der breiten Volksschichten zu dieser Frage fehlt. Diese haben demzufolge hierüber keine Meinung oder sind noch in alten, teilweise nazistischen Vorurteilen befangen.
Von einer Emanzipation oder gar Integration der Homosexuellen kann man heute in der DDR nicht sprechen. Im allgemeinen wird die Veranlagung von den Betreffenden als strengstes Geheimnis gehütet. Wohl findet man Homosexuelle unter jeder Gesellschaftsschicht und in allen Berufen. Aber ob man Homosexuelle in den oberen, besonders in den Staatsstellen belassen würde, wenn ihre Veranlagung bekannt ist, ist sehr die Frage. Selbst schon unverheiratete Bewerber haben wenig Aussicht, dass die Wahl auf sie fällt. Dies erweckt den Eindruck, dass der Verdächtige ausgeschaltet wird, ohne die Sache beim Namen zu nennen. Die Homosexuellen, die während der Nazizeit verfolgt und im KZ waren, werden nicht als Opfer des Faschismus anerkannt. Bemühungen meinerseits, das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer für diese Frage und die der Erfassung zu interessieren, schlugen fehl.
Auf alle Fälle ist das homosexuelle Problem nur durch Anerkennung der Homosexuellen als gleichberechtigte Bürger zu lösen. Dies ist auch die Voraussetzung für eine wirksame erzieherische Beeinflussung, die heute noch fehlt.
(a.a.O., S. 274-276)
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Im Entwurf für einen Vertrag zur Vereinsgründung heißt es unter "Aufgaben und Ziele" (§ 1):
Die Gemeinschaft hat das Ziel, die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder durch die Schaffung gemeinschaftlicher Freizeiteinrichtungen zu verbessern und darüber hinaus das Ansehen der homosexuellen Bürger zu heben.
(Kraushaar, 1997, S.148)
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Immerhin zwei Jahre nach dem "Gesundheits"-Artikel (s.o.), im Jahre 1980, formuliert der Autor (Prof. Dr. sc. med. Misgeld war ehemaliger Truppenarzt im II. Weltkrieg , 1959 Staatssekretär für Hoch- und Fachschulwesen der DDR, danach wurde ihm das Ministerium für Gesundheitswesen anvertraut, seit 1967 die Leitung des Lehrstuhls für medizinische Zeitgeschichte im Institut für Geschichte der Humboldt-Universität):
"Obwohl wir also Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften (sic !) unsere Achtung nicht verwehren, wenden wir uns gegen jede Propagierung homosexueller Kontakte als Ausweg aus unbefriedigenden sexuellen Beziehungen zwischen Mann und Frau. Letztlich verbergen sich hinter Entstehung und Aufrechterhaltung der Homosexualität immer Probleme, die in der Erziehung junger Menschen ungelöst blieben. Eine angeborene Homosexualität gibt es nicht.
Diese differenzierte Haltung gegenüber Homosexuellen und der Homosexualität hat ihren Grund darin, dass wir auch den innigen Zusammenhang der Generationen sehen, der in der Weitergabe des Lebens an Kinder besteht und in bewußter Nutzung der Sexualität zur Zeugung von Nachwuchs verwirklicht werden kann. Die Rolle des Menschen als Gestalter der gegenwärtigen Gesellschaft und als Schöpfer der Voraussetzungen für die zukünftige Gesellschaft macht den Gebrauch seiner generativen Möglichkeiten - also seiner Fähigkeiten zur Weitergabe des Lebens - zu einem Wesenselement bewußt handelnder Persönlichkeiten. Das ist in gleichgeschlechtlichen Beziehungen bekanntlich nicht möglich."

Zuvor entwarnt er angesichts von Homosexualität unter Jugendlichen:
"Das ist weder ein Ausdruck für fehlerhafte Anlagen oder homosexuelle Eigenschaften dieser jungen Menschen noch krankhaft oder schädigend für die gesunde Entwicklung beider. (...) Das in der Freundschaft gefundene Vertrauen hat hier zu einer Harmonisierung sexueller Erregung geführt, die dem kulturellen Bedürfnis zweier Menschen in dieser Entwicklungsphase voll entspricht. (...) Um Schuldgefühle (sic !) zu vermeiden, sollten beide sich sagen, dass ihre Freundschaft sie lehrte, im anderen Menschen Ergänzung zu suchen und in solcher zeitweiligen Geborgenheit ihre Liebesfähigkeit zu entwickeln."
(a.a.O., S. 89 f.)
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Zum Beispiel: die Redaktion der DEWAG-Werbung
teilt mir am 29.3.`74 mit, dass sie eine Eigenschaftsaussage "homosexuell" in einer "Visitenkarte" des Jugendmagazins "Neues Leben" ablehnt und bittet, den Punkt zu ändern. - Auf die Weigerung antwortet die Sachgebietsleiterin der Anzeigenzentrale am 9.4.: "Der Punkt ist ganz allein Ihre eigene Sache, die nicht publiziert werden kann." (Der Briefwechsel in dieser Angelegenheit erstreckt sich bis in den Herbst, erfolglos).
13.5.`76: Die DEWAG-Werbung teilt mir in ihrer Rechnung über eine Briefwechsel-Annonce in der 'Wochenpost' mit: "In Ihrer Anzeige müssen wir 'Brieffreundin' schreiben." (O. Brühl)

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19.3.`75
Ich werde ausgemustert: mir half das Gutachten des schwulen Psychiaters Dr. Dieter VOGLER (Erfurt), mit der ‚Diagnose' "manifeste Homosexualität und Suizidtendenz" - manifeste Homosexualität, zumal in Kombination mit einem weiteren "Problemherd" war offenbar ein ausreichender Grund, um von der allgemeinen Wehrpflicht (bei Androhung von Arbeitshaft gegen Verweigerungswillige) ausgeschlossen zu werden - mithilfe dieses Wissens helfe ich jedem mir begegnenden jungen Mann, der nicht zur Nationalen Volksarmee (NVA) will, zu solchen Gutachten, mal dank VOGLER, mal dank des Berliner Kinderpsychologen Dr. Wolfram Z. Es hat immer geklappt. Noch 1988 lotse ich Jens B., den panisch Militär-Unwilligen, erfolgreich zu einem Gutachter... Nicht nur die Partei, auch die Armee will demnach "rein" bleiben, und in diesem Punkt unterstütze ich solcherlei Institutionen gern.
(pers. Erinnerung: O. Brühl)

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"Es wird daher auch in Zukunft keine besonderen Vereinigungen für diese oder jene Gruppe von Bürgern geben, die sich durch die Gestaltung ihres Intimlebens voneinander unterscheiden, geben, da dafür kein gesellschaftliches Bedürfnis vorliegt.
Da die positive Einstellung unserer Gesellschaft und der aktive gesellschaftliche Einsatz nicht tangiert werden, können sich Homosexuelle ebenso wie andere in ihrer Wesensart veränderte Bürger unbehindert für den sozialistischen Aufbau einsetzen, ohne eine eigene Organisation bzw. Vereinigung zu gründen".
(a.a.O.)
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In diesem Zusammenhang haben die Bemühungen jugendlicher Gruppen, welche die sexuelle Revolution auf ihre Fahne geschrieben haben (und die nur verfehlt sind, weil sie diese außerhalb des Kontextes mit dem realen ökonomischen und politischen Klassenkampf als die eigentliche Hauptsache der Revolution realisieren wollen), ihre Berechtigung. Es geht ja tatsächlich darum, die Beziehung der Geschlechter als freundschaftliche, solidarische, von Heuchelei befreite zu gestalten, den patriarchalischen Charakter der Familienbeziehungen zu zerstören. dass in dem Bemühen, neue zwischenmenschliche Beziehungen herzustellen, der Revolutionierung der Liebesbeziehungen große Bedeutung zukommt, dass sie Indikator für den Stand des Erreichten und seinen Abstand vom Ziel sein können, kommunistische Zustände herzustellen, soll hier nicht bestritten, sondern hervorgehoben werden.
(a.a.O., S. 115)
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"Da der Mensch nicht nur ein biologisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Wesen ist, dem erst die gesellschaftliche Determination die Entwicklung als Persönlichkeit ermöglicht, können die endogenistischen Anschauungen nicht zum Wesen und zur Entstehung geschlechtstypischer Verhaltensweisen vordringen. Sie stellen eine totale Verkehrung der marxistischen Auffassung vom Menschen dar.
So ist es nicht verwunderlich, wenn der empirische Nachweis der 'endogenistisch verursachten' geschlechtstypischen Verhaltensweisen selbst von bürgerlichen Wissenschaftlern nicht unwidersprochen bleibt." -
"Die Klassenposition eines Menschen hat einen sehr viel weiter reichenden Einfluß auf seine gesamte Lebenstätigkeit und somit auf seine Persönlichkeitsentwicklung als seine Zugehörigkeit zu einer Geschlechtergruppe. Die Klassenposition der Familie entscheidet zum Beispiel über Erziehung der Jungen und Mädchen in der Familie und in gesellschaftlichen Institutionen, über Bildungschancen (z.B. Besuch höherer Schulen) und anderes mehr."

Und:
"Die falsche These von der Reduktion der gesellschaftlichen Bewegungsform der Materie auf biologische Gesetzmäßigkeiten (wie z.B. biologistische Trieblehren) schließt jedoch die wissenschaftliche Fragestellung nach Existenz und Wesen genetisch fixierter Anteile bei der Bestimmung geschlechtstypischer Einstellungen und Verhaltensweisen nicht aus."
(a.a.O., zit. S.40 f., S.62, S.74)
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Auf eine Anfrage des HIB-Mitglieds Michael UNGER zur Etymologie des Wortes "schwul" antwortet das Zentralinstitut für Sprachwissenschaft an der Akademie der Wissenschaften der DDR (21.5.1975), dass die Bedeutung "homosexuell" bei dem Wort zum ersten mal im Berliner Rotwelschen aufgetreten sei.
"Ob 'schwul' im Laufe der Sprachentwicklung eine Umwertung, d.h. Aufwertung, erfahren wird, ist augenblicklich nicht abzusehen. Die wertfreie Verwendung des Wortes in Ihrem Kreis kann Ihnen jedoch niemand verwehren."
(Kraushaar, 1997, S.147 f.)
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Die Eingaben der HIB haben Themata wie: "Sozialistische Freizeitgestaltung einer Minderheit" und "Allseitige Integration der homosexuellen Werktätigen in die sozialistische Gesellschaft!"
Der Ministerrat der DDR sendet ein abschließendes Schreiben, worin es heißt:
"Organisationen von Homosexuellen werden nicht gestattet, um Jugendliche, die noch schwanken (...) zu bewegen, sich für die bessere (heterosexuelle) Seite zu entscheiden."
(Archive Rausch + Sillge)
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Der Satz lautet: "Die Szene in Ostberlin ist kaum mit der hier im Westen zu vergleichen. Das Schutzalter beträgt ebenfalls 18 Jahre, doch leben die Schwulen sehr zurückgezogen. Zum Kennenlernen empfehlen wir folgende Bars: Burgfrieden, Cafe Schönhauser, Offenbach=Stuben..."
Noch Anfang der Neunziger Jahre scheint das Allgemeinwissen des "durchschnittlichen" schwulen "Westlers" über den schwulen "Osten" nicht viel differenzierter gewesen zu sein. - Allerdings gab GMÜNDER 1986 sogar noch politische Details aus der Off-Szene, z.B. über die Friedenswerkstatt 1986.
(a.a.O.)
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Die Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit schreibt am 30.Mai `83 in ihren Geheimakten:
Hinweise über Pläne und Aktivitäten zum überbezirklichen Wirksamwerden von Gruppen Homosexueller und deren Einordnung in Versuche zur Schaffung einer 'staatsunabhängigen Friedensbewegung' (...) ist erkennbar, dass feindlich-negative kirchliche Kräfte und homosexuell veranlagte Personen Aktivitäten entwickeln, in der DDR 'Arbeitskreise Homosexualität' zu bilden.
Diese Arbeitskreise sollen mit existierenden 'Frauengruppen' zu einer 'alternativen Bewegung' zusammengeführt werden. (...) Die (...) sollten vor allem durch eine verstärkte politisch-operative Kontrolle und Einflußnahme gemeinsam mit der VP* und den gesellschaftlichen Kräften wirksam eingeschränkt und zurückgedrängt sowie eine Öffentlichkeitswirksamkeit dieser weitgehend ausgeschaltet werden."

(Stapel, 1999, S. 25 ff)
(Siehe auch Zitat STAPEL, b).
(Siehe auch Schwerin).

(*VP = Volkspolizei)

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"Die Haltung kirchlicher Amtsträger zu diesen Aktivitäten ist sehr differenziert und reicht von der Unterstützung bis zu einer offenen Ablehnung. In der Tendenz ist das Bemühen der Organisatoren einer 'alternativen Bewegung' Homosexueller in der DDR zu erkennen, Verständnis, Hilfe und Unterstützung an der kirchlichen Basis zu erhalten."
(a.a.O.)
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Die "Stasi" schreibt in ihren bei STAPEL 1999 ausführlich wiedergegebenen und kommentierten Aktentexten (auch, was deren Glaubwürdigkeit betrifft) u.a.:
"Zusammenfassend ist einzuschätzen, dass die politisch-operative Lage unter homosexuellen Personenkreisen im Bezirk durch die zunehmende Tendenz zum örtlichen und überörtlichen, republikweiten Zusammenschluß gekennzeichnet ist, wobei kirchliche Kräfte diese Tendenzen fördern und unterstützen. Die zu den Organisatoren derartiger Zusammenschlüsse vorliegenden personenbezogenen Hinweise und Informationen, der Charakter der von ihnen unterhaltenen Verbindungen und Kontakte in das NSW* sowie die von ihnen verfolgten Ziele und Absichten kennzeichnen die Versuche, homosexuell veranlagte Personen zusammenzuführen und zu organisieren als Erscheinungsformen politischer Untergrundtätigkeit."
Die Gefährlichkeit dieser Observierungen und Bewertungen wird u.a. im folgenden Absatz andeutungsweise sichtbar:
"Darüber hinaus müssen eine Reihe bekannter homosexueller Personen aufgrund ihrer politisch-negativen Einstellung und der von ihnen in das NSA** unterhaltenen Rück- (sic!) und homosexuell motivierten Verbindungen und Kontakte als potentielle Straftäter gemäß § 213 StGB angesehen werden.
Zur Verhinderung sowohl des politischen Missbrauchs homosexuell veranlagter Personen durch politisch-negative und feindliche Kräfte im Sinne einer politischen Untergrundtätigkeit als auch zur Zurückdrängung strafbarer Handlungen gemäß § 213 StGB und von Versuchen, die Übersiedlung in die BRD/WB zu erreichen..."

Stapel, 1999, S.31 (u.a.)

*) NSW = nicht-sozialistisches Wirtschaftsgebiet
**) NSA = nicht-sozialistisches Ausland

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In eine Stasi-Akte wird geschrieben (wie über viele andere geschrieben wurde):
"Brühl ist der Autor einer 1985 in der Mecklenburgischen Kirchenzeitung veröffentlichten Artikelserie zur Homosexualität; diese Serie löste erhebliche Widersprüche unter kirchlichen Kreisen aus, die zu Differenzierungen bis in die Herbstsynode hinein führten.
Bei Brühl handelt es sich um einen (...) Mann mit umfangreichen Kontakten und Verbindungen zu einschlägigen Kreisen in der gesamten DDR und im NSW (*. Er persönlich war und ist der Gespiele namhafter Personen, vorrangig aus dem Bereich Kunst und Kultur, so u.a. von ***.
In Berlin selbst wirkt er aktiv im genannten Arbeitskreis mit und unterhält enge Verbindungen zu ***.
Brühl zählt mit zu den Organisatoren der Veranstaltung dieses Kreises am 13.4.1986 in der Bekenntniskirche zum Thema 'Schwulenbewegung als Bürgerrechtsbewegung - Sex und die sozialistische Revolution'.
Inoffiziell wurde eingeschätzt, dass diese Veranstaltung einen ausgesprochen feindlich-negativen Charakter hatte.
(...) Vor diesem Hintergrund will Brühl jetzt in Schwerin einen gleichgelagerten Arbeitskreis bilden. (...)
Deshalb ist es erforderlich, diesen Aktivitäten schwerpunktmäßig durch den Einsatz inoffizieller Kräfte von Beginn an entgegenzuwirken. (...)
Die Dialektik des Wirksamwerdens des IMB und im weiteren durch weitere Quellen besteht darin, durch genau abgestimmte Scheinaktivitäten die eigenen Positionen als 'Vertrauter' dieser Exponenten politischer Untergrundtätigkeit zu stärken, aber zu verhindern, dass es diesen feindlich-negativen Kräften gelingt, ihre Absichten zur Bildung eines homosexuellen Zusammenschlusses in unserem Verantwortungsbereich durchzusetzen."
(Akten-Kopie BStU / Archiv Brühl) (Siehe auch STAPEL, Zitat a und STAPEL, Zitat b).

*) NSW = nicht-sozialistisches Wirtschaftsgebiert
*** = geschwärzt

zurück zu: Artikelserie
zurück zu: Juni`76

NB. Juni`76: In Berlin treffen sich Erfurter und Berliner Schwule mit Wieland SPECK und einigen Leuten der schwulen Kommune und Aktionsgruppe "Mann-o-Männer" West-Berlin, deren Männer-Kalender `76 Olaf BRÜHL in Erfurt zu einem Briefwechsel und Versuchen anregte, eine emanzipatorisch engagierte Gruppe u.a. mit dem Psychiater Dr. Dieter VOGLER in Erfurt zu formieren. - Nicht zuletzt wegen persönlicher Ängste & Ressentiments vieler Angesprochenen wird daraus nichts.
Erinnerung, Briefwechsel (Brühl).




























In verschiedenen Städten: immer hatten viele Leute durch Briefe und Beschwerden sich vergeblich eingesetzt. Der erste Brief von Uschi SILLGE, eindeutig homosexuelle Kontaktanzeigen - und nicht nur symbolhaft verschlüsselte Briefwechselwünsche - zu fordern, datiert von 1976 (Aussage U.SILLGE, 2001).
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Christian PULZ:
Mitbegründer des Leipziger AK, nun nach Berlin gekommen.
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Ein Charakteristikum der Bewegung in der DDR ist, dass lesbische Frauen - auch wenn sie in der Minderzahl sind und von den Männern dominiert werden - mit schwulen Männern zusammenarbeiten. Nur in Ost-Berlin (sic !) werden aus der feministischen Patriarchatskritik heraus 1983 die Geschlechterrollen reflektierende Arbeitskreise 'Schwule in der Kirche' und 'Lesben in der Kirche' gegründet, beide arbeiten bis 1989.
(R. Herrn, Hamburg 1999, S.63)
Das stimmt zumindest hinsichtlich der nicht-kirchlich angebundenen HIB (anfänglich) und des Berliner "Sonntags-Clubs" nicht ganz: zumindest in letzterem arbeiten Männer und Frauen seit den Anfängen und nach wie vor zusammen. (OB.)
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Leiter ist der Theologiestudent Karsten FRIEDEL, Stellvertreter von Christian PULZ im "großen Arbeitskreis".
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Leiter: Ralf LIMBECKER, dazu Andrusch EBEL
Die Gruppe trifft sich im Gemeindehaus der Kirche St. Bartholomäus von Berlin-Baumschulenweg. zurück


































Leiter: Wolfgang RÜDDENKLAU,
der auch die Männergruppe leitete. zurück


































Vor allem "innerhalb" evangelischen Gemeinden d.h.:
größtenteils im Schutz, unter ihrem Dach, nicht, dass es (mit Ausnahmen, wie z.B. der ersten Gruppe, dem Gesprächskreis Homosexualität, der immer auch - anfangs sogar moralisch - eine christliche Orientierung verfolgte) deshalb eine religiöse bzw. konfessionelle, evangelische Bürgerrechtsbewegung war (wenngleich die kirchlichen Stellen dies naturgemäß wünschten und forcierten): die im Flugblatt aufgestellte Selbstbeschreibung als "christlicher Arbeitskreis" charakterisiert nicht Inhalt und Arbeit desselben, sondern dass als Rechtfertigung gegenüber der asylgebenden Kirche, wie als Schutzäußerung gegenüber den staatlichen Organen verstanden werden - genau wie der, dass alle Flugblätter und Flugschriften "Nur für den innerkirchlichen Dienst-Gebrauch !" bestimmt seien, was bekanntermaßen genauso wenig deren Zweck und Gebrauchswert kennzeichnet (Zu THINIUS 1994, S. 28) ! - Alle Aktionen, besonders und nicht zuletzt auch die der außerkirchlichen, setzten sich gegen einen für westliche Begriffe unvorstellbaren gesamtgesellschaftlichen Druck und behördlichen Widerstand durch. - Die Kirche aber (aus welchen unterschiedlichen Motivationen und innerkirchlichen Kämpfen auch immer - siehe STAPEL, Magdeburg 1999) ermöglichte, organisierte Zusammenkünfte und Aktivitäten (die überwiegende Mehrheit war nicht-kirchlich und die Inhalte und Diskussionen entsprachen diesem Faktum : es war ein Freiraum -in dem z.B. offen die Mauer kritisiert werden konnte, weshalb die außerordentlich engagierte Ursula SILLGE dort nicht mehr erschien (Zitat: Chr. PULZ) und natürlich forderte das genauso theologische Rechtfertigungen usw. - Andrerseits sind die kirchlich orientierten Bewegungen ebenfalls nicht unter zu bewerten, denn die Macht der Kirche - vor allem als Moralfaktor - ist auch in der DDR immens gewesen und hat weite Teile der Bevölkerung tief beeinflusst. - Die Kirche allein jedoch ermöglichte in der DDR diese zeitgemäßen Diskussionen, die außerhalb undenkbar, tabuisiert waren. Außerhalb der Kirche war jedenfalls ein kritischer Ansatz zum Patriarchat, zu Anti-Homosexualität, zum DDR-Umgang mit Anderssein und Minderheiten, zumal sexuellen, zur allesdominierenden Familienideologie - das alles war in organisierter, also öffentlich zugänglicher Auseinandersetzung prinzipiell nicht möglich - weil : v.a. nicht legal. In diesem Sinn progressive Öffnungen der Kirche (auch in ihrem eignen Überlebensinteresse) gingen solchen politischen im Staate voran, der sich zunehmend von deren Vorreiterposition unter Druck gesetzt fühlte (nicht so durch die späteren pseudo-staatlichen Klubs !). Bezeichnend die Äußerung eines DDR-Staatsmannes gegenüber einem evangelischen Kirchenmann: "Was ?! Mit denen gebt Ihr Euch ab ?" (Quelle: Chr. PULZ).
Ein Aktivist, wie besonders Christian PULZ vom Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" (mit seinem damals relativ radikalen antipatriarchalen, sexpolitischen Ansatz) dasste so einen permanenten Zwei-Fronten- Kampf gleichwie einen gefährlichen Drahtseilakt vollbringen: einerseits die Kirchenseite, die immer ihre Moral (Macht !) gehütet wissen wollte (Toleranz und Gesellschaftskritik ja, nur nichts Sexuelles !) und andrerseits die aggressive paranoide Staatsseite... und dazwischen der bunte Haufen von eifersüchtigen, alternativen, notgeilen, akademischen, frustrierten, engagierten, hoffnungsvollen, neurotischen, panerotischen, hysterischen, profilgeilen, feigen, korrupten, poetischen, selbsthass-verstörten, pragmatischen, exzentrischen, revoluzzerhaften, unsolidarischen, kleinbürgerlichen, verträumten, verräterischen usw. Schwulen - obendrein im Clinch mit den Lesben etc. pp.
(O. Brühl, 2000)
Siehe auch: 15.2.1986)
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OPITZ zieht den (noch heute) progressiven Schluss:
"Warum sollte es nicht erlaubt sein, sexuelle Befriedigung statt so oder so vielmehr so und so zu erreichen, solche und solche? Warum sollte eine völlig freiwillige Homosexualität, die heterosexuelle Kontakte überhaupt nicht ausschließt, nicht möglich (...) sein?
Ich möchte den Text abschließen mit einem bewußt heterosexuellen Argument für Homosexualität: kann sie nicht nur dazu beitragen, eine Gesellschaft zu bereichern, sie lebendiger, farbiger zu machen? Damit meine ich nicht, dass Schwule den Stinos noch mehr als Clown herhalten sollen, ich meine das Einbringen der eigenständigen Kultur."

(a.a.O.)
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In Uwe KOLBEs (für die Szene des Prenzlauer Bergs typischer) literarischer Untergrundzeitung publizierten u.a. auch Thomas BÖHME und Ulrich ZIEGER.

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"Eine Epedemiegefahr besteht nicht! In der DDR fehlt die soziale Basis für den höchstprofitablen und verbrecherischen Rauschgifthandel. Wenn man von der Tatsache ausgeht, dass ein hoher Anteil von jungen homosexuellen Männern unter den AIDS-Kranken anzutreffen ist, stellt man sich natürlich die Frage, wie groß das AIDS-Risiko für Homosexuelle in der DDR ist. Die Situation der männlichen Homosexuellen in der kapitalistischen Gesellschaft ist nicht mit der Situation in der DDR vergleichbar. Wir leben nicht unter jenen gesellschaftlichen Bedingungen, in denen ein homosexueller Mann unter Strafandrohung erpresst werden kann, weil der berüchtigte und diskriminierende § 175 des Bürgerlichen Gesetzbuches, der Homosexualität unter Strafe stellt, bei uns längst abgeschafft wurde." - Anm.: § 175 galt zu jener Zeit in der BRD lediglich in einer schärferen Funktion, als ihn in der DDR der ähnlichbedeutende § 151 hatte (siehe 1968 und 1969, - bzw. 1988 und 1994).
"In der DDR wird kein Homosexueller zum Missbrauch von Rauschgift verleitet und dadurch rauschgiftabhängig (...). Prostitution gibt es in der DDR nicht.
Aus diesen Überlegungen sind homosexuelle Männer bei uns weder so gefährdet wie in Westeuropa und Amerika, noch stellen sie eine Gefahr für die Gesellschaft dar."

(a.a.O.)
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15.2.1986:
BRÜHLs Vermittlungsversuche zu einem internen Dialog zwischen dem "Sonntags-Club" und dem "Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe" (Christian PULZ) scheitern an den Vorbehalten des "Sonntags-Club"-'Freundeskreises' (zumal späteren "Courage"-Leitern) gegenüber "massiv staatsfeindlichen" (Zitat) nicht-staatskonformen Aktivisten, Theorien und Interessen, die man im Arbeitskreis Homosexualität befürchtete. - Aber auch dieser Club wird vor der Wende nie staatlicherseits anerkannt oder mitgetragen, sondern lediglich in staatlichen Einrichtungen (FDJ-Jugendklubs) geduldet. - Ein Dialog kam dann übrigens doch zustande: nach der Wende(siehe: 2.12.1989; siehe auch: GRAU 1990, S.53 ff.), als die Gruppierungen bald zerfielen...
(a.a.O.)

Uschi SILLGE bezeichnete die Aufforderung, ab 1983 "in der Kirche mitzuarbeiten", in ihrem Buch "Un-sichtbare Frauen, Lesben und ihre Emanzipation in der DDR" von 1991, als Zumutung. - Das ehem. SED-Mitglied Michael UNGER, früher kurze Zeit bei der HIB und seit Wende-Zeiten im "Sonntags-Club", dem er inzwischen als Geschäftsführer vorsteht:
"Die meisten aus unserem Kreis waren bewußt aus der Kirche ausgetreten und wollten mit der Kirche nichts zu tun haben. (...) Es wäre für mich eine Heuchelei gewesen, die Kirche abzulehnen und sie gleichzeitig zu nutzen, um sich versammeln zu können."
(UHLEMANN, 2003, S.47, bzw.: UNGER, "Sonntags-Club 1998", S.7)
Das ist unrichtig. Diese Gruppen können keine Berliner oder Leipziger Gruppen gewesen sein, denn dort (besonders in der Treptower Plesserstraße) fand dergleichen nicht statt. Auch dort arbeiteten viele "bewußt" aus der Kirche Ausgetretene; auch die Ideologie der Kirche wurde immer wieder in den Programmen kritisiert. - Auf Nachfragen meinerseits (insbesondere am 22. Februar 2003 während einer entsprechenden Veranstaltung zur Geschichte der HIB im "Schwulen Museum Berlin", wo u.a. auch UNGER anwesend war) konnte sich niemand erinnern, dass je "gebetet" oder "für kirchliche Anliegen geworben" worden sei. - (siehe auch Anm.: "innerhalb" der Kirchen).
Fakt bleibt jedenfalls: so ziemlich jeder kochte sein Süppchen auf kleinem Feuer vor sich hin (die einen im Dom, die anderen freier und evtl. "radikaler" in den Gemeindehäusern oder Privatwohnungen, manche in FDJ-Klubhäusern, jene in akademischen Institutionen oder staatlichen Eheberatungsstellen. Unbeschwertheit kam kaum auf. Es war eine traurige Szene, auch auf dem II. Workshop "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Karl-Marx-Stadt 1988 etwa (deren z.T. "weggeschlossene" Vortragstexte von einigen Rednern, wie z.B. Eduard STAPEL, nachträglich als Kopie verteilt werden mussten oder erst Jahre später in Zeitschriften publiziert wurden). - Und um im Bilde zu bleiben: zu einem großen Gastmahl der sog. Schwulenbewegung der DDR kam es jedenfalls nie. - (O. BRÜHL, 15.1.2004)
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Darin sagt Prof. WERNER u.a.:
"Wir müssen (...) die gesellschaftlichen Bewertungsmaßstäbe verändern. Das ist die Aufgabe der Wissenschaft. Es dass sich eine soziale Kommunikation vollziehen. Ich bin prinzipiell gegen Isolation; von den sogenannten Homoclubs halte ich nichts. Das schafft eigentümliche Moralauffassungen."
(a.a.O.)
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Toleranz und Wissen werden allerdings von diesem Buch herausgefordert, Martin DANNECKER (Frankfurt/M) schreibt in seiner Besprechung, die als Kopie vom Arbeitskreis in Berlin verteilt wird, u.a.:
"Streckenweise hat man den Eindruck, einem homosexualitätsfeindlichen Text eines Psychiaters aus den Anfängen dieses Jahrhunderts vor sich zu haben. (...) Wo einen forensisch tätigen Psychologen ein so hohes Maß an Zivilcourage abverlangt wird, wenn er eine Monographie über Homosexualität schreibt, können die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Homosexuelle leben, nicht günstig sein."
Der Kern von DANNECKERs Kritik an WERNERs Buch hat m.E. (O.B.) auch darüber hinaus - in der BRD Anfang des 21. Jahrhunderts - an Aktualität und Brisanz nichts eingebüßt:
"Es entspricht exakt den von FOUCAULT kritisch analysierten gesellschaftlichen Mechanismen: Abbau der Berührungsängste und der Repression und Subsumtion der Homosexuellen unter die Macht. Macht heißt in diesem Zusammenhang heterosexuelle Norm, die nicht nur als gültig, was sie wohl ist, sondern als wahr und vernünftig unterstellt wird. Im kleinen soll eine Familiarisierung der Homosexualität, im Großen ihre gesellschaftliche Integration erreicht werden. (...) Wird im Prozess der Integration den Homosexuellen alles abgemarktet, was an ihnen anders ist, läuft das auf eine Enthomosexualisierung der Homosexualität hinaus." Siehe: 4.12.2002.
In: Zeitschrift für Sexualforschung, Jg.1, Heft 3, September 1988, S.278-280.
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Die Argumentation, mit der das Oberste Gericht die Aufhebung begründete führt weiterhin aus:
"2. Unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes eines normal entwickelten Jugendlichen, spätestens (sic ! O.B.) aber im Alter zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr, kann festgestellt werden, dass homosexuelle Handlungen Erwachsener mit diesem Personenkreis im allgemeinen nicht zu Fehlentwicklungen führen müssen und keine wesentlich anderen Folgen bewirken als homosexuelles Verhalten zwischen Jugendlichen oder heterosexuellen Beziehungen zwischen einem Erwachsenen und einem Jugendlichen."
(a.a.O.)
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"Eine Statistik zeigt, dass Empfehlungen des Generalstaatsanwalts und das Grundsatzurteil des Obersten Gerichts allein noch nicht genügt hatten: Zwischen Beschluss und Inkrafttreten der Streichung des § 151, also zwischen dem 14.12.1988 und dem 30.06.1989, wurden auf seiner Grundlage noch vier Männer rechtskräftig verurteilt."
Freunde eines Schwulen Museums in Berlin e.V. 1990, S.160 (dort: Datum 18.12.1988 falsch, siehe Datenliste: J. Müller Bonn/Berlin 2000)
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Niveau § 149 StGB der DDR:
(1) Ein Erwachsener, der einen Jugendlichen zwischen vierzehn und sechzehn Jahren unter Ausnutzung der moralischen Unreife durch Geschenke, Versprechen und Vorteilen oder in ähnlicher Weise dazu mißbraucht, mit ihm Geschlechtsverkehr auszuüben oder geschlechtsverkehrsähnliche Handlungen vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft.
(2) Die Strafverfolgung verjährt in zwei Jahren.

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(Das Niveau des "Code Napoléon" von 1810, der Homosexualität infolge der liberalisierenden Beschlüsse der Französischen Revolution juristisch ignoriert, ist wieder erreicht - somit beinahe auch, was das Staatswesen in einigen deutschen Ländern betrifft, dank des bonapartistischen Rechtsgelehrten FEUERBACH: die Straffreiheit für Homosexualität jeglicher Art im Königreich Bayern 1813-1871. So konnte Karl Heinrich ULLRICHS von Bayern als von einer "Freistatt für Unrninge" sprechen - Freilich ließen die Polizei-Gesetze noch immer genügend Hintertüren für die Unterdrückung der Homosexualität offen, z.B. "Erregung öffentlichen Ärgernisses" usw. - Die Vereinigung Deutschlands 1871 drehte diese juristischen Fortschritte zurück und setzte preußisches als Reichsgesetz: damit war der § 175 in Deutschland eingeführt worden, dessen verhängnisvolle Geschichte im anderen Teil Deutschlands erst 1994 endet.)




























Im I. Halbjahr 1979 ist das erste von den 33 Interviews geführt worden (LEMKE hatte John BORNEMAN erst `86 kennen gelernt). - Ein "Aktivist" in der DDR-Schwulenszene wurde er erst durch diese Arbeit am Buch, besonders durch die Lesungen in Konfrontation mit unterschiedlichen Hörerschaften (z.B. seinen Studenten und Kollegen) : ein Coming out zum öffentlich sich bekennenden Schwulen, der links ist und sich engagiert. - Voraussetzung war der enorme Erfolg des Bandes "Guten Morgen, Du Schöne" von Maxi WANDER (Buchverlag Der Morgen, Berlin, 1977), in dem 19 DDR-Frauen in Gesprächsprotokollen ihre unterschiedlichsten und nicht grade nur glücklichen Lebenserfahrungen (es ist dort erstmals auch von Homosexualität innerhalb der sozialistischen Realität die Rede) im patriarchal-existierenden Sozialismus schildern .
(Archiv + Aussage LEMKE, 2000)

Denis M. SWEET merkt 1998 in seiner Betrachtung der Publikation an:
"(...) 'Ihr Leben (- das der Schwulen. OB.) ist wie das Leben eines jeden in diesem Lande der DDR' (...), schrieb die Ostberliner Soziologin Irene RUNGE in ihrem Vorwort. Das ist es eben. Da kommt in diesem Buch nichts vor, was Anstoß erregen könnte, weil nichts da ist, was unbekannt oder gar fremd oder den vorherrschenden Moralbegriffen unzumutbar wäre: da ist nicht viel über Sex zu lesen, abartig oder sonst, keine Sehnsüchte kommen zum Ausdruck außer denjenigen nach Liebe und trauter Zweisamkeit.(...)"
(a.a.O., S 104-106)

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Siehe auch: Uraufführung des Stückes 1990




























Ich war in der Premiere und meinte für das ZDF anschließend, dass "alle" ein Coming out bräuchten, "alle Männer, alle Frauen, vor allem die Familien und die ganze Gesellschaft" - an Bewegung erlebte ich dann aber v.a. die von Ost nach West und allenfalls eine einfache emotionale Bewegung derer, die den Film gesehen hatten - aber von Reaktionen "ähnlich denen, nach dem DANNECKER-& PRAUNHEIM-Film", wie ich später einmal las, kann leider nicht die Rede sein.
Indessen Regisseur Heiner CAROW die Premiere seines Spielfilms so gut wie allein feierte, da die Gäste der beiden ausverkauften Erstvorstellungen durch die Maueröffnungen nach Westberlin strömten. (O.Brühl)
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Das auf die Grundsatzpapiere des Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" (Ulli ZIEGER `83, Christian PULZ `89) - unter Mitarbeit von PULZ - zurück greift.
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Der Film ist dem Schriftsteller Mario WIRZ gewidmet
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Mit der Familie als »kleinster Zelle« ist wohl kein kommunistischer Staat zu machen, auch kein vorläufig sozialistischer. Bereits in den Dekreten über Eheschließung und Scheidung vom Dezember 1917 hatten die Sowjets mit dem Sexualstrafrecht (außer bei Vergewaltigung) konsequent die traditionellen Modelle von zwangsmonogamer Ehe und bürgerlicher Familie abgeschafft.
War das – nach Nazireich und Krieg – von der deutschen »Arbeiterklasse« in ihrer »führenden Rolle« vergessen worden? War sie etwa durch die Nazimoral marschiert wie weiland die Kinder Israel durchs Rote Meer? War Friedrich ENGELS Buch "Über den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" unbekannt? Las niemand mehr Alexandra KOLLONTAI, Rosa LUXEMBURG, Clara ZETKIN? Waren Richard LINSERT, Wilhelm KOENEN und Felix HALLE verdrängt?
(O.B., 2006)

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Dank sei den ersten Aktivisten der neueren DDR-Schwulenbewegung: Michael EGGERT und Peter RAUSCH, die mir in Gesprächen und mit ihren privaten Archiven hilfreich beisprangen, Christian PULZ, der mir seine Unterlagen kopiert übergab. Für aufschlußreiche Treffen danke ich Uschi SILLGE, Erhard GÜNZLER, sowie Peter BIRMELE und Volker GASSER. Ich danke dem Schauspieler Joachim STARGARD, in dessen perfektem Privatarchiv sich die Daten zu Film- und Theaterpremieren nachprüfen ließen (bis hin zu Ekkehard SCHALLs Theaterzettel). Ich danke dem Berliner Historiker Joachim MÜLLER, der mir seine Daten-Liste über die schwulenpolitischen Aktionen zu Beginn der 90er Jahre im Kampf gegen den § 175 (»Ein Paragraph stirbt langsam - und nicht von allein«, 1995, unveröffentlichtes Manuskript) zur Verfügung stellte.
Für informative Mitarbeit danke ich Michael FOITZIK, Lars JOLIG, Wolfgang RÜDDENKLAU, Ralf LIMBECKER, Michael SOLLORZ, Mirko ADAM, Kai WERNER, Bernd TISCHER, Jürgen LEMKE, Günther DROMMER, Michael UNGER, Lothar DÖNITZ, Rainer HERRN, Bert THINIUS, Klaus LAABS und Eike STEDEFELDT.
Besonderer Dank gebührt Wolfram SETZ.
Dank auch an Karl-Heinz STEINLE, der anläßlich des 30. Gründungstags der HIB, der »Homosexuellen Initiative Berlin«, einen Diskussionsabend im Schwulen Museum Berlin ermöglichte. Nicht zuletzt danke ich Günter GRAU, der mir Einblick in seine Arbeits-Manuskripte gewährte und meinen Essay »Schwulsein 2000: Arschficker oder Arschkriecher?« als Nachlese zu dem Göttinger Treffen von 1999 in den Dokumentations-Band Schwulsein 2000 (Hamburg 2001 bei MännerschwarmSkript) aufnahm.

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Der Film ist Christian PULZ gewidmet.
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StGB 1 § 182. Sexueller Missbrauch von Jugendlichen.
- (1) Eine Person über achtzehn Jahre, die eine Person unter sechzehn Jahren dadurch Missbraucht, dass sie
- 1. unter Ausnutzung einer Zwangslage oder gegen Entgelt sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich vornehmen läßt oder
- 2. diese unter Ausnutzung eine Zwangslage dazu bestimmt, sexuelle Handlungen an einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
- (2) Eine Person über einundzwanzig Jahre, die eine Person unter sechzehn Jahren dadurch Missbraucht, dass sie
- 1. sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich vornehmen läßt oder
- 2. diese dazu bestimmt, sexuelle Handlungen an einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen,
und dabei die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
- (3) In den Fällen des Absatzes 2 wird die Tat nur auf Antrag verfolgt, es sei denn, dass die Strafverfolgungsbehörde wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten hält.
- (4) In den Fällen der Absätze 1 und 2 kann das Gericht von Strafe nach diesen Vorschriften absehen, wenn bei Berücksichtigung des Verhaltens der Person, gegen die sich die Tat richtet, das Unrecht der Tat gering ist.

Siehe auch: StGB der DDR § 151 von 1968,
der am 14.Dezember 1988 ersatzlos gestrichen wurde.

Siehe auch unter: 11. August 1987
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Großes Bundesverdienstkreuz fürs „Wegspritzen“ von Homosexualität

Bis fast in die 80er Jahre haben namhafte westdeutsche Neurologen versucht Homosexuelle und „Triebtäter“ mittels verstümmelnder chirurgischer Eingriffe am Gehirn von ihrem „fehlgeleiteten Trieb“ zu „heilen“.
Was diese Operationen mit den Experimenten zu tun haben, für die der Hormonforscher Günter DÖRNER am 4. Oktober 2002 abseits der Öffentlichkeit das Große Bundesverdienstkreuz aus den Händen von Bundespräsident Johannes RAU erhielt und warum der bei dieser Gelegenheit ebenfalls prämierte Schwulenpolitiker Volker BECK zu alldem schweigt, erläutert Dirk RUDER.
RUDER ist Redakteur der sexualpolitischen Zeitschrift „Gigi“ und Sprecher des „wissenschaftlich-humanitären komitees“ (whk) im Rheinland.

Durch eine Pressemitteilung der AG Schwulenpolitik des whk wurde Mitte Dezember einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass dem Berliner Hormonforscher Professor Günter Dörner bereits am 4. Oktober 2002 das Große Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Johannes Rau verliehen worden ist. Das whk rief daraufhin dazu auf, sowohl beim Bundespräsidenten als auch bei dem ebenfalls zuständigen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, gegen diese Auszeichnung zu protestieren. Warum?

In der recht knappen Begründung des Bundespräsidialamtes für die Auszeichnung heißt es, mit dem von Dörner entwickelten neuen wissenschaftlichen Feld der „funktionellen Teratologie“ habe der Charité-Emeritus dem von ihm zwischen 1962 und 1997 geleiteten Institut für Experimentelle Endokrinologie der Charité schon zu Zeiten der DDR nationales und internationales Profil verliehen. Dörners – aus Rattenexperimenten abgeleiteten – Erkenntnisse gipfeln, kurz gesagt, in der These, dass Stress während der Schwangerschaft im Mutterleib hormonell bedingte Missbildungen im Gehirn des sich ausdifferenzierenden Embryos hervorruft. Und zwar in einer als „Sex-Behaviour-Center“ bezeichneten Hirnregion, deren „Missbildung“ nach Dörners Meinung später Homosexualität und anderes abweichendes Sexualverhalten verursacht – beim Menschen. Die Richtung solcher rassepolitischen Experimente ist klar: Wer mittels geeigneter Hormongaben Homosexualität schon im Mutterleib verhindern kann, leistet der Volksgesundheit einen entscheidenden Dienst. Für diesen ist der Sozialeugeniker Dörner nun explizit ausgezeichnet worden.

Ist das der Grund für die zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit der Beteiligten? Es gibt doch wohl kaum einen Grund, die Verleihung eines Großen Bundesverdienstkreuzes geheimzuhalten…

Naja, wie man’s nimmt. „Großes Bundesverdienstkreuz“ – das ist spätestens seit Bernt Engelmanns gleichnamigen Roman aus den 70er Jahren ein Synonym für die Reinwaschung von NS-Tätern und -Profiteuren in der Nachkriegs-Bundesrepublik. Insofern ist diese Auszeichnung, zumindest wenn sie in den höheren Stufen vergeben wird, durchaus belastet. Im Fall Dörner hat die bundesrepublikanische „Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung“ dem damaligen DDR-Wissenschaftler schon vor zwanzig Jahren vorgeworfen, der „Internationalist besonderer Prägung“ wolle durch seine Forschung „Homosexuelles wegspritzen“. Dörner hat im Gegenzug stets versucht, seine Kritiker mundtot zu machen. Unter Sexualwissenschaftlern sorgen Dörners Forschungen bis heute für Unruhe, der Charité war die Auszeichnung Dörners wohl nicht zuletzt deshalb sichtlich peinlich. Immerhin wartete man dort erst einmal sechs Wochen, bis die Verleihung zwar pflichtgemäß aber eher unauffällig mitgeteilt wurde. Aus Sicht der Charité ist das vielleicht auch aus einem ganz anderen Grund verständlich, denn das CDU-Mitglied Dörner kümmerte sich nach 1989 an entscheidender Stelle um die „Neustrukturierung“ der ostdeutschen Universitäten. Allein an der Charité wirkte er in einer Struktur- und Berufungskommission mit, die zur Neubesetzung etwa der Hälfte aller Lehrstühle geführt hat. Ein im Sinne der Herrschenden verdienter Mann also. In der lesbisch-schwulen Szene – ich scheue mich, hier noch von einer Bewegung zu sprechen – hat die skandalöse Würdigung übrigens kein nennenswertes Echo hervorgerufen. In den Medien der Szene war das kein Thema, ein Indiz für eine fortgeschrittene Entpolitisierung.

Haben Dörners umstrittene Thesen zum „Wegspritzen“ von Homosexualität in der wissenschaftlichen Welt außerhalb der DDR überhaupt größeren Beachtung gefunden?

Ja selbstverständlich! Dörners Forschungsarbeiten lieferten in den 60er und vor allem in den 70er Jahren im Westen die entscheidende Begründung für verstümmelnde Hirnoperationen an homosexuellen und allerlei anderen „sexuell devianten“ Menschen, mittels derer der „fehlgeleitete Trieb“ umgeleitet – also irgendwie „heterosexualisiert“ – oder gänzlich abgetötet werden sollte. Allein im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, das bis heute emsig an der Behebung aller möglichen nicht-heterosexuellen Störungen herumdoktert, wurden zwischen 1973 und 1976 etwa zwei Dutzend solcher Operationen durchgeführt. Ihre daraus gewonnen Erkenntnisse feierten die Operateure selbst– immer mit explizitem Bezug auf Dörners Arbeiten – noch Mitte der 70er Jahre in Publikationen, die etwa vom hessischen Justizministerium in einer Reihe zur kriminologischen Grundlagenforschung herausgegeben wurden. Man dass in diesem Zusammenhang den Namen des Kasseler Kriminologen Gustav Nass nennen, der seine Beiträge gern mit dem Tenor versah, die praktisch durchgeführten Operationen hätten Dörners Vermutungen bestätigt, nun müsse man zwangsläufig auch über eine Verschärfung des Sexualstrafrechts nachdenken. Logisch ist das kaum, aber repressiv. Aus anderen Berichten, etwa denen Prof. Fritz D. Roeders aus Göttingen, geht hervor, dass die Patienten, von denen viele verurteilte Straftäter waren, den Eingriffen oft nur nach Androhung von Kastration oder Sicherheitsverwahrung zustimmten. Von einer „Freiwilligkeit“ der Eingriffe, die die beteiligten Operateure immer wieder betonen, kann hier also keine Rede sein. Die beteiligten Wissenschaftler nutzten vielmehr die Zwangslage der meisten Patienten aus, denn wer lässt sich schon ohne große Not am Gehirn herumschnippeln? Man versprach den Patienten eine raschere Freilassung, wenn sie dem Eingriff zustimmen. Das war im Sinne der Operateure, die beobachten wollten, welche Auswirkungen ihre Eingriffe auf das sexuelle Verhalten des Patienten hatten. Welches Ausmaß diese Eingriffe zahlenmäßig in der Bundesrepublik hatten, und ob sie vielleicht auch in der DDR vorgenommen wurden, ist bis heute völlig unbekannt. Die westdeutschen Ärzte jedenfalls wollen seinerzeit mit Ihrer Methode sogar die „Heilung“ von Homosexuellen bewirkt haben – eine absurde Behauptung, aber damals war unter Neurologen ausgemachte Sache, dass eben nicht nur im Gehirn Ulrike Meinhofs so eine Art „Terror-Behaviour-Center“ existieren müsse, sondern dass auch in den Gehirnen weiterer irgendwie auffälliger Gruppen etwas nicht stimmt. Mit dem Unterschied, dass beispielsweise der Eppendorfer Prof. Dieter Müller beim aus, wie es dort heißt, „Pädophilen, Notzuchttätern, Exhibitionisten und Hypersexuellen“ bestehenden „Hamburger Patientengut“ tatsächlich fündig wurde – Dank der Hilfe Günter Dörners.

Das whk kritisiert in einer Erklärung den Schwulenaktivisten und jetzigen Parlamentarischen Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, der auf der gleichen Veranstaltung ebenfalls ein Bundesverdienstkreuz verliehen wurde – allerdings zwei Stufen tiefer. In den Augen der Öffentlichkeit hat gerade er sich doch sehr verdient um die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben gemacht…

Das ist durchaus eine Frage der Interpretation. Von weiten Teilen der Homo-Szene werden die Verdienste Becks immer weniger günstig beurteilt – nicht zuletzt seit dem ausgerechnet im Wahlkampf offenbar gewordenen Skandal um die von Rot-Grün geplante Magnus-Hirschfeld-Stiftung, die Becks durch dubiose Finanzmachenschaften insolventen „Lesben- und Schwulenverband“ (LSVD) in Nordrhein-Westfalen einen warmen Geldsegen bis zum Sankt Nimmerleinstag sichern sollte – übrigens auf Kosten von schwulen NS-Opfern, die dafür leer ausgingen. Hier ist von den beteiligten Politikern verdammt viel und verdammt dreist gelogen worden und die grüne Bundestagsfraktion sah sich nach der Wahl genötigt, ihren derart angezählten Parade-Homo aus der Schusslinie zu nehmen, um sicherzustellen, dass er von Homo-Angelegenheiten im Parlament künftig seine unsauberen Finger lässt. Die zunehmend bissigen Kommentare der ihm jahrelang quasi in Vasallentreue ergebenen kommerziellen lesbisch-schwulen Szenepresse sprechen auch eine deutliche Sprache. Beck, dem schon in den 80er Jahren die westdeutsche Friedensbewegung zu langweilig wurde, erhielt sein Bundesverdienstkreuz am 4. Oktober ja gerade auch für sein bürgerrechtliches Engagement. Als homosexuellen Aktivisten war und ist ihm Dörners Arbeit selbstverständlich seit langem bekannt, denn die Schwulenbewegung hat zu Recht immer wieder heftig gegen den dort als „Ratten-Dörner“ bekannten Wissenschaftler polemisiert. Dass Beck aber ausgerechnet in dem Moment, wo er selber ein heiß ersehntes Blechding vom Bundespräsidenten bekommt, zu einem ausgemachten Skandal schweigt, lässt annehmen, dass dieser Mann nicht eben arm ist an Minderwertigkeitskomplexen.

Sieht das whk in der Ehrung Dörners eine Kontinuität der NS-Ideologie, die sich auch zum Ziel gesetzt hatte, mit „medizinischen“ Versuchen und Experimenten gegen „abnormes Sexualverhalten verschiedener Art“ vorzugehen?

Man darf hier bitte nichts vermischen. Die zwischen 1933 und 1945 in den KZs unternommenen Experimente waren so angelegt, dass die Patienten sie nicht überleben sollten. Der SS-Arzt Carl Vaernet hat Mitte der 40er Jahre im KZ Buchenwald solche Experimente mit sogenannten künstlichen Hormondrüsen durchgeführt, man war, zynisch genug, auf der Suche nach einer „Alternative“ zur Kastration. Den Operateuren in Hamburg-Eppendorf und anderswo ging oder geht es zwar ebenfalls darum, den unglücklichen Trieb auszuschalten, aber der Erfolg lässt sich eben nur nachweisen, wenn der Patient dabei überlebt. Ziel dieser Eingriffe ist es weniger, seelische oder soziale Krüppel erzeugen, sondern Menschen, die weiterhin ökonomisch verwertbar bleiben. Menschen also, die danach ganz unauffällig leben, d.h. möglichst in heterosexueller Ehe, wenn auch um den Preis eines komplett ausgelöschten (homo-)sexuellen Verlangens. Das passt übrigens haargenau auf Strategien, die derzeit zum Umgang mit Sexualstraftätern diskutiert werden. Es ist eben billiger, Exhibitionisten und Pädophile – oder das, was die Legislative zu solchen erklärt – zu asexuellen Wesen umzuoperieren, als sie lebenslang wegsperren. Und genau daran arbeiten diese Operateure seit mehr als dreißig Jahren abseits der Öffentlichkeit. Dörner arbeitet hingegen daran, dass solche Operationen erst gar nicht mehr notwendig werden, weil – wie es Günter Amendt einmal so treffend formulierte – eine pränatale „Regelanfrage im Mutterleib“, von vorneherein verhindern soll, dass so etwas überhaupt auf die Welt kommt. Wenn solcherlei Forschung nun unter einer rot-grünen Regierung auch noch für auszeichnungswürdig gehalten wird, hat das eine beängstigende und neue Qualität.

Das klingt vielleicht einigen ein wenig zu hysterisch…

Wir neigen beim whk nicht zu Verfolgungswahn. Aber diese hohe nationale Auszeichnung muss natürlich im Zusammenhang gesehen werden, beispielsweise mit der massiven Verschärfung des Sexualstrafrechts auf nationaler und europäischer Ebene, über die auch in der Homoszene niemand sprechen will. Die meisten Gruppen sind völlig ahnungslos, was da in den nächsten Jahren noch auf sie zukommen wird, nämlich eine verstärkte Kriminalisierung unangepasster Sexualitäten, insbesondere dann, wenn sie außerhalb des eigenen Schlafzimmers stattfinden und mehrere Partner umfassen. Man sehe sich nur einmal an, was die Bundesregierung im Zusammenhang mit der Ausweitung der DNA-Analyse plant: Alle Straftaten mit irgendeinem „sexuellen Hintergrund“ sollen da künftig in den Dateien des Bundeskriminalamts gespeichert werden. Ein solcher sexuelle Hintergrund lässt sich, wenn man will, immer konstruieren, wo Männer sich oder wo Männer und Frauen sich begegnen. Ich will damit keinesfalls sexuelle Gewalt verharmlosen, aber die Vorboten dessen, was da als deren Bekämpfung ausgegeben wird, sind schon jetzt erfahrbar, etwa die verstärkten Polizeiaktionen und Razzien schwuler Sextreffs, die das whk und die Zeitschrift Gigi seit zwei Jahren festgestellt und dokumentiert haben, oder die pausenlose Überwachung schwuler Internetseiten und chatrooms durch das BKA, die beim Rotenburger Kannibalen-Falls wieder einmal offenbar wurde.

Schon in der DDR hat es ja Kritik an Dörner von Seiten der Schwulenbewegung oder von Sexualwissenschaftlern gegeben. War diese zu leise?

Das müsste man deren Aktivisten fragen, von denen allerdings einige sich heute ausgerechnet beim – noch in der DDR gegründeten – „Lesben- und Schwulenverband“ Volker Becks prostituieren. Der Medizinhistoriker Günter Grau, der zu DDR-Zeiten in einer Arbeitsgruppe zur Homosexualität an der Humboldt-Universität arbeitete, reagierte Ende Dezember mit einem – sehr moderaten – Offenen Brief an Bundespräsident Johannes Rau, den das whk gleichwohl unterstützte.
Es fällt allerdings auf, wie viele prominente Namen aus der schwulen Bürgerrechtsriege, die sonst bereitwillig jeden grünen Wahlaufruf absegnet, unter diesem Brief fehlen. Das ist keine Weigerung dieser Leute – das ist deren Konsequenz. Die wollen sich oben nicht unbeliebt machen.

Was werden das whk und andere sexual-emanzatorischen Gruppen denn nun tun, um zumindest noch im Nachhinein gegen die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes zu protestieren?

Zunächst einmal ist der Bundespräsident bei ordensrechtlichen Entscheidungen niemandem Rechenschaft verpflichtet, sondern er hat diese ausschließlich vor sich selbst zu verantworten. Er stützt sich dabei jedoch auf die Empfehlungen der Ministerpräsidenten der Länder, in diesem Falle des angeblich schwulen Regierungschefs des Bundeslandes Berlin Klaus Wowereit. Da kaum anzunehmen ist, dass Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz von Dörner wieder zurück verlangen wird und Volker Beck seines kaum aus Protest nachträglich zurückgibt, dürfte es das gewesen sein. Vor zehn Jahren hätte es in dieser Situation noch eine massive Mobilisierung von Schwulen- und Lesebengruppen gegeben, aber die Zeiten sind vorbei, seitdem die meisten Homo-Projekte an staatlichen Töpfen hängen und deshalb unter einer Maulsperre leiden. Man will eben nicht der nächste sein, dem bei knappen Kassen die Mittel flöten gehen – wie naiv! Unter anderen Bedingungen hätte das whk gern zu diesem ganzen Themenkomplex eine parlamentarische Anfrage in den Bundestag lanciert, aber seit dem PDS-Wahldesaster und dem damit verbundenen Ausscheiden der parteilosen homopolitischen Sprecherin Christina Schenk aus dem Parlament gibt es für uns dort keinen Ansprechpartner mehr, der das Thema kompetent bearbeiten könnte. Und von den PDS-Homos ist, außer einer dürren Pressemitteilung, in dieser Frage wohl auch wieder einmal nicht viel zu erwarten, denn die Damen und Herren von der AG Queer der PDS haben gerade in Berlin ihre Verlobung mit den Schwusos von der SPD bekannt gegeben. Viel Spaß im Bett kann man da nur sagen. Aber im ernst: Als whk interessierte uns nicht zuletzt, wer eigentlich Dörner – und im übrigen auch Beck – für die höchste deutsche Auszeichnung vorgeschlagen hat. Aber dazu erteilt das Bundespräsidialamt einer interessierten Öffentlichkeit keinerlei Auskünfte.

Interview: Emanuel NAHRSTEDT

oldenburg.gay-web.de/roz/archiv/magazin84-02.html

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MARTIN DANNECKER / REIMUT REICHE

DIE KOLLEKTIV VORHERRSCHENDE INTEGRATIONSFORM DER
TRIEBE UND OBJEKTBEZIEHUNGEN

Für die kollektiv vorherrschende Integrationsform der Triebe und Objektbeziehungen, die in unserer Kultur als "normale Heterosexualität" bezeichnet wird, ist die Verdrängung der homosexuellen Strebungen konstitutiv und, als Konsequenz daraus, die unbewußte Angst vor der Homosexualität. Die kulturell vorherrschende Form der Heterosexualität ist notwendig pathologisch. Zu dieser Pathologie gehört u.a. eine gewaltsame Überzeichnung der biologischen Geschlechter-Rollen; gehört eine kulturell ausgestanzte Hypertrophie des genital-sexuellen Bereichs und eine entsprechende gesellschaftlich produzierte Verkümmerung der übrigen, biologisch angelegten erogenen Zonen; gehört eine latent homosexuell gefärbte Identifizierung der Männer untereinander. Diese Identifizierung nimmt als Gefühl und Bewußtsein der Überlegenheit des Mannes über die Frau soziale Gestalt an, schlägt sich in allen Poren ökonomischer und sozialer Herrschaft nieder und befestigt diese. Alle diese "Pathologien" sind konstitutuv für das, was normale heterosexuelle Anpassung heißt. Weil nur die jeweils individuelle Unterordnung unter die herrschende kulturelle Sexualmoral einer geschichtlichen Entwicklungsepoche als "normal" bezeichnet wird, fällt es so schwer, die kollektive Pathologie herauszuarbeiten, in der jede individuelle Normalität gebrochen ist
(...)

SIGMUND FREUD hat in seiner Religionskritik die individuelle Zwangsneurose als pathologisches Gegenstück zur kollektiven Religionsbildung dargestellt und "die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangsneurose"1 bezeichnet. Die kollektiv-neurotischen Bildungen sind für die von ihnen Betroffenen ebenso "sinnvoll" wie die individuell-neurotischen Symptome für das betreffende Individuum : "Der Schutz gegen neurotische Erkrankung, den die Religion ihren Gläubigen gewährt, erklärt sich leicht daraus, daß sie ihnen den Elternkomplex abnimmt, an dem das Schuldbewußtsein des einzelnen wie der gesamten Menschheit hängt, und ihn für sie erledigt, während der Ungläubige mit dieser Aufgabe allein fertig werden muß."2 An anderer Stelle schreibt FREUD : "Es stimmt auch gut dazu, daß der Frommgläubige in hohem Grade gegen die Gefahr gewisser neurotischer Erkrankungen geschützt ist; die Annahme der allgemeinen Neurose überhebt ihn der Aufgabe, eine persönliche Neurose auszubilden."3 FREUDS Religionskritik ist u.E. ein Kernstück für jede materialistische Psychologie; in ihr ist, gewissermaßen in Keimform, die "andere" psychologische Seite der Ideologiekritik angelegt, deren ökonomische Seite - aus den Produktionsverhältnissen hergeleitete Bestimmung der Ideologie als "notwendig falsches Bewußtsein" - von KARL MARX in der Kritik der politischen Ökonomie herausgearbeitet wurde.

Ideologien könnte man in diesem Sinn als säkularisierte Religionen bezeichnen - Liberalismus des Bürgertums, Antisemitismus des Kleinbürgertums, Ausländerhaß des Proletariats usw. Die Funktion der Ideologie ist es, nach Bewußtsein und Veränderung drängende Bedürfnisse zurückzubiegen und einem "vorbewußten" revolutionären Interesse einen reaktionären Ausdruck zu verleihen. Psychologisch gesprochen sorgt die Ideologie für einen dynamischen Ausgleich zwischen einem Bedürfnis und dem gegen dieses Bedürfnis stehenden gesellschaftlichen Herrschaftsinteresse - auf Kosten des Bedürfnisses. Die Ideologiebildung ist darin dem Mechanismus der Neurosenbildung sehr ähnlich, und zwar nicht nur strukturell, sondern auch im engeren Sinn triebdynamisch ähnlich. Das individuelle neurotische Symptom sorgt für einen dynamischen Ausgleich zwischen Verdrängtem und zu Verdrängendem, bzw. zwischen Trieb und Moral (gesellschaftlich herrschendem Realitätsprinzip) - auf Kosten des Triebs. Wie das neurotische Symptom seinem Träger auf Umwegen, im Ausagieren der Symtomhandlung, einige Befriedigung verschafft, wenn auch nicht die ursprünglich angestrebte - so schafft auch die Ideologie den an sie gebundenen Massen auf Umwegen eine vom realen Bedürfnis zielabgelenkte Befriedigung. Eine Ideologie ist, auch darin dem neurotischen Symptom vergleichbar, nur solange und nur dort "durchschlagskräftig", wo sie die nach Entladung drängenden Affekte bzw. die nach Erfüllung drängenden Bedürfnisse zugleich anspricht, bindet - und auf eine "falsche" Fährte lenkt. Aus solchen - auf begriffliche Zusammenfassung wartenden Gründen kann man eine herrschende Ideologie auch als kollektive Neurose bezeichnen, wenn man die psychische und massenpsychologische Seite des betreffenden Geschehens kennzeichnen möchte.

Von der neueren - aus der Optik der psychoanalytischen Theorie revisionistischen - Sozial- und Ich-Psychologie ist die Dimension, die in dieser Religionskritik angelegt ist, reaktionär zurückgebogen worden. Z.B. sprechen BETTELHEIM und JANOWITZ ganz affirmativ von der "identitätsstiftenden Funktion des Vorurteils". Rassismus oder militanter Antikommunismus, einmal aus ihrem privaten Dasein als paranoide Wahnvorstellungen herausgenommen und zur allgemeinen Ideologie und zur Praxis der Herrschenden geworden, können in konsequenter Anwendung solcher Theorien nicht mehr als pathologisch, sondern müssen als normal, ja mehr : als identitätsstiftendes, Anpassung förderndes Verhalten beschrieben werden.4 Orthodoxe, psychoanalytische Theorien mit "Normalitäts"-Konzepten, wie sie den Arbeiten von BIEBER, SOCARIDES u.a. zugrunde liegen, befinden sich in unerkannter und gefährlicher Nähe zu derart reaktionären Anpassungs-Konzeptionen. Zur Konstitution der normalen Heterosexualität der gegenwärtigen gesellschaftlichen Epoche gehört unabdingbar die Verdrängung homosexueller Gefühlsregungen als Homosexuellen-Haß, die Bindungen dieser Gefühlsregungen in latent homosexuellen Massenbildungen usw. Zum Konstitutionsprozeß der kulturell normalen Heterosexualität gehören unabdingbar kollektiv- neurotische Momente. Weil sie kollektiv vorherrschen und weil sie unabdingbar für den gesellschaftlichen Funktionszusammenhang (mindestens den der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften) sind, geraten diese kollektiv-neurotischen Elemente auch der psychoanalytischen Orthodoxie zunehmend aus dem Blick; schließlich sind sie - in moderner sozialpsychologischer Diktion - anpassungsfördernd.

aus: DER GEWÖHNLICHE HOMOSEXUELLE
S. FISCHER VERLAG, Frankfurt/Main 1974, S. 348-350
ISBN 3100148010

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1 S. FREUD : Zwangshandlungen und Religionsübungen, Ges. Werke, Frankf/M, 1963, VII, S.139

2 S. FREUD : Eine Kindheitserinnerung des Lionardo da Vinci, Ges. Werke, VIII, S.195

3 S. FREUD : Die Zukunft einer Illusion, Ges. Werke, XIV, S.367 (Hervorhebung durch uns).

4 Zur Darstellung und Kritik dieses Komplexes siehe KLAUS HORN : Insgeheime kultische Tendenzen der modernen psychoanalytischen Orthodoxie, S. 108 f. In: Psychoanalyse als Sozialwissenschaft, Frankf/M 1971


























Vorbemerkung








2005

Das, was man üblicherweise mit "Homosexualität" umschreibt, ist etwas, das vor allem sog. Heterosexuelle betrifft - alle: vor allem aber Eltern. Wenn Homosexualität unterdrückt wird, werden nicht nur sog. "Homosexuelle" unterdrückt, es wird damit vor allem "Heterosexualität" beschrieben und geprägt. Bilder, Erfahrungen und Sprechen von Homosexualität gibt es in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen: Rechts- und Erziehungswesen, Kirche, Familienpolitik, Handel, Sport, Werbung, Medien, Behörden, Popkultur, Militär, Industrie, Tourismus usw. Sie prägen mehr oder minder das Verhalten aller.
Homosexualität findet statt, und zwar auch zwischen "Homosexuellen", aber keineswegs nur - und der Diskurs über Homosexualität ist nicht auf diese Minderheit, die sich vielleicht über einen längeren Zeitraum des Lebens ausschließlich oder vorwiegend homosexuell verhält, beschränkt.
Doch repressive Strukturen werden sublimer. Die Sprachregelung, im Zusammenhang mit "Homosexualität" ausschließlich nur noch von "den" Homosexuellen (und der "gay community" - einem beachtlichen Konsummarkt) zu reden, den Blick zu verengen, hat auch das schwullesbische Ghetto innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft inzwischen größtenteils verinnerlicht. -
Gegenwärtig
ist auf unseren Schulhöfen neben "Opfer" eines der häufigsten und schlimmsten Schimpfwörter: "schwul" ...


Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.
Christa WOLF

















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Vorbemerkung zu (PDF)
HOMOSEXUALITÄT IN DER DDR

herausgegeben von Dr. Wolfram Setz
MännerSchwarm Verlag Hamburg 2006


EINLADUNG ZU KRITIK, ERGÄNZUNG UND KORREKTUR


Es gibt eine aktuelle Geschichte des deutschen § 175, in der kommt die Geschichte dieses Paragraphen in der DDR nicht vor. Ein geographisches Problem? - Noch immer werden Angaben zur Reform, bzw. Abschaffung dieses § 175, bzw. seiner DDR-Entsprechung § 151, unkorrekt gegeben (von den Kämpfen darum ganz zu schweigen). Auch wenn es oft heißt, »1994« wäre und: »in Deutschland« der leidige Paragraph endlich abgeschafft worden, so wird dabei ausgeblendet, dass nicht minder die DDR ebenfalls »Deutschland« war und dort bereits zuvor ein Recht galt, dem nun auch für den Rest Deutschlands nachzuziehen war.

1988 (20 Jahre nach Streichung des 1871-1935 und in der DDR 1950-1968 geltenden § 175, den die Nazis 1935 verschärft hatten, siehe Chronologie) war endlich die rechtliche Diskriminierung von Homosexualität abgeschafft und das "Schutzalter" für weibliche wie männliche Jugendliche einheitlich auf 16 Jahre herab- bzw. gleichgesetzt worden (§ 149 StGB/DDR).

Mehr oder minder zähneknirschend musste diese im Einheitsvertrag für die Gebiete der Ex-DDR festgeschriebene Regelung und zwar erst 1994 auch in die gesamtdeutsche Geltung übernommen werden; allerdings ohne die Chance wahrzunehmen, das sogenannte "Schutzalter" auf insgesamt 14 herabzusetzen! Wodurch der in den »alten Bundesländern« selbst nach der »Vereinigung« noch geltende »Schwulenparagraph« vorerst ganz abgeschafft war. Mit dieser geschichtlich überfälligen Mindestleistung der Politik wurde einer weitergehenden wirklich liberalen und progressiven Gesetzesreform vorläufig ein Bremsklotz gesetzt.

Doch infolge des umstrittenen Gesetzes zur sog. »Homoehe« (sic!) ist 2002 wieder ein Sondergesetz für einige der Erscheinungsformen dessen, was mit »Homosexualität« umschrieben wird, in Kraft. - Diesmal wenden wir den Blick einmal mehr westrheinisch, um etwas fortschrittlichere, weniger diskriminierende, weiter gefasste Gesetze in Geltung zu sehen, die alle nicht eheförmigen Lebensformen ansprechen.

Aus all dem ergibt sich, dass der Zeitraum der Datensammlung etwas weiter gefaßt ist, als die Existenz der DDR selbst: sie begann schon vor der DDR in der sowjetischen Besatzungszone, in der die Weichen für die DDR-Lebensbedingungen gestellt wurden und Rudolf KLIMMER sein Wirken fortsetzte; und sie dauerte länger: indem aufgrund des § 151 StGB der DDR erst 1994 nach langem Tauziehen einheitliches BRD-Recht geschaffen wurde. - 1997 bildet die Eröffnung der gesamtdeutschen Ausstellungen anläßlich "100 Jahre Schwulenbewegung" einen sinnigen Schlusspunkt für diese (subjektive) Datensammlung, die nicht nur die politischen Punkte markiert. Sie ist ein Pool, der orientierend und weiterführend helfen soll, mehr nicht:


Diese CHRONOLOGISCHE DATENSAMMLUNG ist insofern unvollständig (aber umfassender als alle bisherigen Publikationen zum Thema), erstens wie naturgemäß jede andere Chronologie auch und dann, weil sie der Not gehorchend, einer Initiative entspringt, die schon aus folgenden Gründen keinen Anspruch auf systematische Wissenschaftlichkeit erheben kann. Zunächst war die Zusammenstellung von Daten aus verschiedenen Publikationen und Dokumenten dazu gedacht, die Beteiligten, die Zeitzeugen einzuladen, sie zu ergänzen und zu korrigieren. (Michael HOLY, der diese Arbeit leistete und zur Verfügung stellte, sei hier ausdrücklich gedankt, seine erste Tabelle war die Basis, von der aus hier weiter gearbeitet werden konnte). - Immerhin sind einige bereit gewesen, kritisch mitzuarbeiten, sich zu erinnern, Einblick in ihre Privatarchive und eigenen Arbeiten zu ermöglichen. (Momentan besonders mangelhaft sind u.a. die Arbeit der Leipziger Schwulengruppe dokumentiert, sowie die Aktivitäten in Halle und Magdeburg, die eine ganz wesentliche Rolle in der DDR-Bewegung spielten und deren überregionale Arbeits-, Darstellungs- und Wirkungsstruktur anders aussah, als z.B. die der Berliner. Daraus erklärt sich u.a. eine z.T. nicht realistische »Berlin-Lastigkeit« der Daten. Zum anderen ist diese aber auch ein Ergebnis des Zentralismus der DDR, wo der größte, vitalste und liberalste Ort v.a. eben die Hauptstadt war.) - Hier ist zumindest eine in den Angaben einigermaßen zuverlässige, wenn auch, wie bemerkt, nicht lückenlose, Chronologie wichtiger Daten & Fakten frei verfügbar. In diesem Sinn versteht sich die Internet-Publikation wiederum als EINLADUNG ZU KRITIK, ERGÄNZUNG UND ganz besonders der KORREKTUR von Fehlerhaftem. Jeder Beitrag, jede Information, soweit bezeugbar / belegbar, jeder sachliche Hinweis auf Fehler oder genauere Quellen, jede persönliche Erinnerung ist nützlich und willkommen.

Die Redaktion der Tabelle wird nicht abgeschlossen. Es versteht sich von selbst, das eine solche Datensammlung weder einen geschichtlichen Abriss zu leisten vermag, noch losgelöst von der politischen und kulturellen Geschichte der DDR, bzw. der deutschen Geschichte generell verstanden werden kann. Sie vermag aber dazu Hilfeleistung, Anregung und weiterführende Hinweise geben. Die Auswahl ist, was die Bewegung betrifft, so zufällig und subjektiv wie etwa die eines Telefonbuches.

Links
auf andere themenbezogene websites werden auf Wunsch gern zu entsprechenden Stichworten geschaltet und/oder im Anhang aufgelistet. Dabei sei darauf hingewiesen, dass laut Gesetz die Angabe von Links für den Inhalt der dazu gehörigen Seiten mitverantwortlich macht und darum nur mit einem Vermerk publiziert wird, der auf diese Rechtslage hinweist und sich von dem Inhalt generell und somit nicht wertend distanziert. Wir wollen die Links nicht nach Übereinstimmung mit unseren Auffassungen und Kenntnissen sortieren, sondern verstehen sie als Komplettierung der chronologischen Sammlung, die somit andere Beschreibungen und Perspektiven zugänglich macht. Ausdruck der komplexen und widersprüchlichen Wesenheit gesellschaftlicher Abläufe. Schließlich gibt es keine definitiv endgültigen Versionen zu den höchst komplizierten, oft äußerst schlecht dokumentierten Ereignissen, die vergangen sind, und auch Daten sind nur so etwas wie Wegweiser in den Fluss divergierender Wahrnehmung, Diskussion und Gestaltung von Wirklichkeitsabläufen.

Die chronologische Datensammlung ist ein Hilfsmittel zur Orientierung, nicht mehr aber auch nicht weniger.
Sie kann selbstverständlich nicht die Aufarbeitung der betreffenden Problematik unter immer neuen Aspekten und all der mit ihr verwickelten soziologischen, politischen, kulturellen, philosophischen usw. Themata aufheben oder ersetzen bzw. gar definieren. Zumal die Situation in der DDR außerordentlich schwierig war, vergleichbar anderen Ländern des Ostblocks, unter diesen aber oft erträglicher. - Auch diese Chronologie kann Impulse zum Streit der Ansichten, zu konstruktiver Auseinandersetzung mit den Prozessen und Anregung für Neugier geben.

Eine wissenschaftlich umfassende »Geschichte der Schwulenbewegung der DDR« ist bislang nicht geleistet. Sie müsste eine "Geschichte der DDR" voraussetzen.

Siehe Literaturliste am Ende der Chronologie.

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Die Datensammlung ist als Informations- und Arbeitsinstrument gedacht, das anregt, weiter führt und es soll jederzeit allgemein verfügbar sein (weshalb das Layout nur in Mindeststandards codiert ist). Die Liste der verwendeten und weiterführenden Literatur wird ständig ergänzt. Im Anhang werden weiterhin Dokumente, Kommentare und Texte eingearbeitet.

Berlin, August 2002 / 13.Januar 2003


Hinweis 2006:
Eine gründlich überarbeitete und korrigierte Version ist von Dr. Wolfram Setz als Beitrag des Sammelbandes HOMOSEXUALITÄT IN DER DDR / Materialien und Meinungen / in der Bibliothek rosa Winkel im September 2006 beim Hamburger Männerschwarm Verlag herausgegeben worden. Mit weiteren Autorenbeiträgen von Bert Thinius, Eike Stedefeldt, Michael Sollorz, Peter Rausch, Klaus Laabs und Florian Mildenberger.




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