Bert Thinius

AUFBRUCH AUS DEM GRAUEN VERSTECK -
ANKUNFT IM BUNTEN GHETTO ?

Randglossen zu Erfahrungen schwuler Männer in der DDR
und in Deutschland Ost


BVH Materialien 4
BUNDESVERBAND HOMOSEXUALITÄT
Berlin, September 1994

Auszug
pp. 33 - 35 :

(...) Heute arbeiten nur noch im Sonntags-Club Lesben und Schwule gemeinsam. Sie probieren "multisexuelle Denkansätze" und organisieren interessante Experimente zur Überschreitung der Geschlechtergrenzen.1

Querköpfe

Die meisten, die sich in der DDR für schwule Interessen engagierten, hatten einen Rückhalt. Für die einen waren es Gruppen in der evangelischen Kirche, für andere waren es Gruppen Gleichgesinnter in staatlichen Einrichtungen, Massenorganisationen oder Parteien. Ihre Bestandsaufnahmen zur katastrophalen Lage der Schwulen waren nahezu identisch, ihre Forderungen ähnelten sich, ihre Ziele waren wenig verschieden. Verschieden waren ihre Stellung im alten System, ihre Perspektiven und deshalb: ihre Strategien. Beide zeigten reale Mißstände auf und kritisierten sie. Für die einen bedeutete das (trotz des grundsätzlichen Bekenntnisses zum Sozialismus) auch Widerstand gegen ein etabliertes System feudosozialistisch-patriarchaler Struktur, für die anderen war noch die Kritik als Verteidigung des real-sozialistischen Projekts gedacht, denn sie sollte schließlich seiner Verbesserung dienen. Nach 1989 haben beide mehr oder weniger starke Identitätskrisen durchlebt, denn ob in Abgrenzung oder Identifikation - sie waren mit dem DDR-Sozialismus verbunden. In der BRD finden sie sich nur zum Teil in `vertauschten Rollen´ wieder. Damals Widerständige haben Stellen im öffentlichen Dienst oder etablierten politischen Organisationen und Parteien, damals `Staatsnahe´ sind arbeitslos oder hangeln sich auf ABM-Stellen von Projekt zu Projekt. Für beide hat dabei eine partielle Entwertung ihrer Vergangenheit stattgefunden. Die, die in der DDR Widerstandserfahrungen gemacht haben, brauchen sie nicht mehr, denn sie sind nun etabliert, während die, die sie gebrauchen könnten, Widerstand nie ausreichend übten.

Anders die `Queerköpfe´, jene engagierten Individualisten, die der Fremdblick leicht als Einzelkämpfer wahrnimmt. Sie erschließen Wege, auf denen andere gehen. Weil sie nicht ìntegriert´ sind, brauchen sie keine Taktik und denken weiter als die an ihnen Vorbeiziehenden sich dann wagen. Ihre Mühen zeigen auf den ersten Blick kaum Erfolge, weil sie immer `zu viel´ wollen. Sie bleiben bei sich auch im Wechsel der politischen Systeme, als Störenfriede, als Zweifler, als kompromißlose Beobachter alltäglicher Machtspiele. Ihre Erfahrungen entwerten sich nicht, und doch erneuern sie sie stets. Im Widerstand gegen Herrschaft. Ihre Namen kommen in den Kollektivgeschichten nicht vor, doch ihre Gedanken haben jene Geschichten mitgeschrieben.

Olaf Brühl

Olaf Brühl hat 1985 in der Mecklenburgischen Kirchenzeitung eine Folge von Artikeln veröffentlicht, deren Kritik tiefer und weiter reicht als das meiste, das zum Thema Homosexualität später in der DDR publiziert worden ist. Nachdem er ein Homosexualität bejahendes Bibelzitat (David und Jonathan) anführte, kam er zur Sache, d.h. zu einer der Haupt-Ur-Sachen der im Alltag erfahrbaren Homosexuellendiskriminierungen, der Angst vor dem eigenen homosexuellen Verlangen.

Er führte das latent homosexuelle Männlichkeitsideal der Nazis als Pendant zur Homosexuellen-Vernichtung in den KZs vor und das gesunde Volksempfinden der normalen Kleinbürgerlichkeit als eine Rahmenbedingung, die sie ermöglichte.

Olaf Brühl formulierte die Vision einer sich aus Rollenzwängen befreienden Gesellschaft:
»Der Aufbruch einer neuen, weniger autoritätsgläubigen und weniger aggressiven Generation aus den Fesseln der überkommenen patriarchalen Klassengesellschaft bürgerlicher Prägung - in einer zu erringenden Welt des Miteinanders (...), in der die Menschheit nicht nur befreit ist von Klassenherrschaft, sondern damit auch von Potenzherrschaft mit all ihren Zwängen und repressiven Mechanismen feinster coleur. Beide Geschlechter müssen aus ihren menschlich längst unzureichenden Verhaltenskorsetts entbunden werden - und damit fallen Fragen, wie die nach einem `Problem Homosexualität´ von selbst ins Grab der schwarzen Geschichte.« 2

Er erzählte Geschichten über die Fähigkeit von Menschen, ihre Rollen zu verlassen: Ein sich heterosexuell definierender Mann, der vom Bild eines Mädchens besessen ist, liebt schließlich ihren Zwillingsbruder. Ein Mann, der sich einer Frau in einer besonderen Begegnung als Schwuler vorstellt, schläft mit ihr.

Die von ihm in die DDR-Öffentlichkeit transportierten Gedanken wurden kaum rezipiert. Auch die Schwulengruppen konnten damit wenig anfangen, schienen solche Gedanken doch ihren umkämpften Minderheitenstatus als `gleiche Andere´, ihre besondere, naturbegründete Identität in Frage zu stellen.

Doch er gab nicht auf, in die `Schwulenkreise´ hineinzuwirken und sie im Wirken nach außen zu bestärken. Er hielt Vorträge, leitete Diskussionen, las aus schwuler, vielen damals nicht zugänglicher Literatur bei SCHWULE IN DER KIRCHE, in Studentengemeinden und staatlichen Jugendklubs für Heterosexuelle. Für ihn war die Präsentation schwuler Kultur vor allem ein Mittel, um nichtbürgerliche Lebensmodelle, Seinsweisen außerhalb etablierter (Ehe-)Institutionen zu propagieren, nach Möglichkeiten lebbarer Solidarität und Sinnlichkeit zu fragen.

Auf dem zweiten Workshop "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" hielt er einen Vortrag mit dem Titel: "DER BEOBACHTER SIEHT NICHTS". Er erhob die Forderung nach der Selbstreflektion jener Wissenschaftler, die über "die Homosexualität" redeten. Seine Vermutung darüber, weshalb
»gerade in unserer Gesellschaft innerhalb des ... Diskurses über Homosexualität die Methoden des historischen Materialismus und der Dialektik abrupt aussetzen«, war: »Zweifellos ist dies Ausdruck der Tatsache, daß die betroffenen Wissenschaftler Männer sind, und zwar demonstrativ heterosexuelle. Männer, die als Spezialisten innerhalb akademischer, offizieller Strukturen anerkannte Autoritäten darstellen.« 3

Und wieder attackierte er die Zuweisung der Homosexualität an die "Minderheit der Homosexuellen":
»Offensichtlich ist es nicht ausreichend, die Mitglieder einer Gesellschaft irgendwo auf dem Spektrum der Kinsey-Skala anzuordnen ... und nach dem Motto DIVIDE ET IMPERA lokalisierbare Gruppen je nach Farbwerten zu plazieren. Ich schlage vor, ..., die Skala, die ja ein Theorem ist, in die Persönlichkeit zu verlagern und damit Festlegungen im Denken und infolgedessen auch im Leben und Lieben ... offeneren Möglichkeiten und Anfragen auszusetzen. DIE SICHERHEITEN SELBST SIND DAS PROBLEMATISCHE und die Emanzipation diskriminierter Bevölkerungsanteile nur über die Emanzipation diskriminierter Persönlichkeitsanteile der gesamten Bevölkerung ... möglich.« 4

Olaf Brühl brachte den Zusammenhang von Antihomosexualität und Antiweiblichkeit in die Diskussion, und seine Überlegungen zur Unteilbarkeit von Emanzipation, zur Beziehung zwischen individuellen und gesellschaftlichen Fortschritten, führte er zur Pointe: »Das coming out also - hier das aktuellste Problem der Homosexualitäts-Diskussion muß abgeschafft werden: wohl oder übel über ein coming out der gesamten Gesellschaft.« 5

Sein Beitrag wurde im später veröffentlichten Tagungsmaterial nicht gedruckt. Die DDR hatte ihr coming out, es gibt sie nicht mehr. Olaf Brühl zweifelt weiter. Seine an Theweleit, Vinnai und anderen in Traditionen der Psychoanalyse und kritischen Theorie Stehenden orientierten Überlegungen waren im Osten unerwünscht, im Westen sind sie out. Doch er ist nicht auf Worte beschränkt, macht Filme, inszeniert Opern und Theaterstücke über die Herauslösung der Geschlechter aus ihren Rollen. Antibürgerliche, patriarchatskritische Provokationen der sogenannten Normalität.


© DR. BERT THINIUS

leicht überarbeitete Fassung eines Beitrages, der als Einleitung zu dem Buch von Kurt Starke, SCHWULER OSTEN. Homosexuelle Männer in der DDR, CHRISTOPH LINKS VERLAG, Berlin 1994, erschienen ist. - DR. BERT THINIUS, FB QUEER-STUDIEN, HUMBOLDT-UNIVERSITÄT BERLIN




1 Vgl O.BRÜHL, 60 MINUTEN AUFMERKSAMKEIT, TV-Essay, Berlin 1994

2 O.BRÜHL, DIE SCHAM, DASS EINEM DAS HINSEHEN SO LEICHT FÄLLT. Aspekte zu Beziehungen unter Menschen, Serie, Mecklenburgische Kirchenzeitung, 21.4. - 17.5.1985

3 O.BRÜHL, DER BEOBACHTER SIEHT NICHTS. Aspekte zur psychosozialen Situation der Homosexualität, Manuskript 1988, S.2 f. ("Der Beitrag, der das herkömmliche Denken am meisten provozierte." THINIUS auf S.41 des hier teilweise wiedergegebenen Textes), später publiziert in: KONTEXT Nr.7/1989 und GAY NEWS Nr 1/1992 und 1/1993

4 Ebenda S. 4

5 Ebenda S. 16



zu "Normalität"

zu ...MÄNNER & FRAUEN...

zur ArtikelSERIE:
»Die Scham, dass einem das Hinsehen so leicht fällt«
(Mecklenb. Kirchenzeitung 1985)

siehe auch
CHRONOLOGIE DER DDR-SCHWULENBEWEGUNG : www.olafbruehl.de/chronik.htm

olaf brühl